Alleine atmen – der erste Versuch


Endlich ist es soweit, obwohl drei Tage nach der Notoperation ja nun wirklich noch nicht lange ist. Wenn man es von außen betrachtet. Wenn man mitten drin ist, können einem Stunden wie Tage und Minuten wie Jahre vorkommen. Alles liegt ganz im Auge des Betrachters und natürlich im Gefühl. Eine Stunde im Not OP ist für den, der draußen warten muß, eben eine Ewigkeit, weil jede Sekunde lange dauert und sich alles hinzieht. Für den Operateur dagegen vergeht die Zeit einfach wie im Flug.

Farben

Heute ist also Tag drei nach meinem Unfall. Ich fühle mich wie durch den Wolf gedreht und schwebe gleichzeitig, dank ordentlich Schmerzmittelzufuhr regelmäßig auf Wolke 12. Die Betäubungsmittel machen die Welt schön farbenfroh und irgendwie sehe ich alles schön gedämpft. Nichts ist laut, alles fließt so ineinander und Stress gibt es auch keinen. Mitten rein in diese fröhliche, bunte Wahrnehmung kommt die Stationsärztin, die sich mit den Chefs besprochen hat, und teilt mir mit, dass wir heute versuchen wollen, mich atemmaschinenfrei zu bekommen. Ich finde das eine grandiose Idee.

Alien

Hierfür wird die Maschine abgestöpselt und ich bekomme einen Beutel an den Drainageschlauch. Weil ich ihn manchmal in mir drin merke und das ein wahrlich unangenehmes Gefühl ist, nenne ich den seit gestern Alienschlauch. Ich habe nicht alle Alienfilme gesehen, aber was ich davon kenne reicht vollkommen aus um den Schlauch in mir so zu nennen. Die Maschine hilft nun also nicht mehr und jetzt kommt es darauf an… bleibt meine Lunge voll entfaltet? Wirklich merken tut man das ja leider nicht. Erst wenn es -wie bei mir am Sonntag- eigentlich schon fast zu spät ist, dann merkt man es. Aber auch nur, wenn man vorher weiß, dass das überhaupt eine Möglichkeit ist.

Der Beutel wird nun einige Stunden lang beobachtet. Bläht er sich auf, oder füllt er sich mit Flüssigkeit werde ich sofort wieder an die Maschine angeschlossen. Passiert das nicht, stehen die Chancen gut und ich kann nach vier Stunden zur Röntgenkontrolle. Und tatsächlich steigt die Hoffnung. Der Beutel füllt sich nicht, sondern bleibt fein gefaltet und die Krankenschwester macht einen Termin zum röntgen für mich aus und organisiert, dass man mich abholt.

Ein großer Karton

In voller Vorfreude auf den Abholer zum röntgen, freue ich mich sichtlich, als die Postfrau erneut mit einem riesigen Paket in mein Zimmer kommt. Auf ihrer Liste zum Gegenzeichnen von Paketen die Patienten erhalten, kann ich meinen Namen zahlreich in Reihe stehen sehen. Dieses Zimmer erhält mehr Post, als üblich zu sein scheint. Erfreulicherweise habe ich gerade sowieso Besuch und kann so meine Freundin voll einspannen. Ich bin trotz (oder vielleicht auch wegen?) albgestöpselter Maschine, nicht in der Lage das Paket zu öffnen, in dem sich ein riesiger Blumenstrauß befindet, und dann noch eine Vase zu organisieren. So wird es auch Besuch in meinem Krankenzimmer nicht langweilig.

Öffne nie das Paket

Dann kommt der Abholer. Transporter, wie sich der Herr vorstellt, und ich frage ihn selbstverständlich gleich nach Regel Nummer 1 bis 3, die jeder Transporter kennen sollte. Und tatsächlich kann er sich an Regel Nummer 1 (Never change the deal.) und Regel Nummer 3 (Öffne nie das Paket.) halten, kontrolliert allerdings vollkommen regelwidrig zu Regel Nummer 2, meinen Namen. Ich will da mal nicht so sein, vielleicht haben sich die Regeln auch seit den Filmen geändert?

Im Laufschritt er und ich im Rollstuhl, geht’s zum röntgen. Dort wird man als stationärer Patient ohne viel Mobilität angemeldet und wartet dann bis zum Aufruf. Mein Name fällt kurzfristig und mit leichter Ungeduld. Aber schnell kann ich heute nicht und schon gar nicht alleine zackig aufstehen. Mir tut trotz Schmerzmitteln alles weh. Die Röntgenfrau findet das ziemlich doof. Sie hat heute schließlich noch andere Patienten und das glaube ich ihr sogar. Ich kann es aber trotzdem nicht ändern.

Nach dem Röntgen werde ich wieder nach oben auf meine Station transportiert und warte auf das Ergebnis.

Zurück zur Maschine

Nur kurze Zeit, nachdem ich wieder auf meinem Zimmer bin, rückt der nächste Besuch an und kurz danach stürmt die Ärztin herein. Das Röntgenbild ist da, und zeigt eindeutig, dass meine Lunge nicht vollständig entfaltet ist. Ich muß zurück an die Maschine, da beißt die Maus keinen Faden ab. Mein Besuch versteht, dass das jetzt wirklich blöd ist, aber eine Diskussion nützt nichts. Erstens, ist die Ärztin sowieso unerbittlich und will nur mein Bestes und zweitens, habe ich ja sowieso auch keine Ahnung. Warum sollte also ein Ahnungsloser ein Mitspracherecht haben? Und natürlich will auch ich unbedingt, dass meine Lunge voll entfaltet ist.

Ich muß für weitere zwei Tage in die Sahara zurück.

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Unter dem Alias Clauditries schreibe ich meinen Blog Claudi gives it a TRI seit Mai 2011 als Triathlon - Trainingstagebuch mit all den Geschichten, die abseits vom Zahlenwerk der absolvierten Kilometer und des Durchschnittspulses zu finden sind.

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