Titan – nicht Ironman 4


Vor der OP heute früh gibt es verständlicherweise kein Frühstück. Dafür gibt es ein wirklich sehr hübsch anmutendes Unterhöschen aus Netzstoff und ein OP Hemd, dass dem, in dem ich vom Zeugwart hier hergekarrt wurde aus Groß-Gerau, verdächtig ähnelt. Ich versuche mich, so gut es eben geht, zu waschen und bekomme eine Egaltablette. Wie viele andere Medikamente, die ich hier bekomme, muß ich auch die im Beisein der Krankenschwester nehmen. Späteres verkaufen am Bahnhof also unmöglich.

Schleuse

Wie immer, wenn man sich nicht selbst fortbewegen kann, holt einen ein Transporter ab. Meiner ist so früh am Morgen allerdings -noch- nicht zu scherzen aufgelegt, so dass ich mir die Regelfrage verkneife. Statt dessen will er wissen, ob alle meine Zähne fest sind. Klasse Frage für diese Uhrzeit auf dem Krankenhausflur. Aber da ich bejahen kann, sieht die Welt erfreulicherweise ganz ok aus. Liegt vielleicht auch an der Egaltablette, die man mir gegeben hat? Obwohl ich mir nicht egal vorkomme, sondern eher leicht angespannt und aufgeregt, aber, wer weiß schon, wie es ansonsten wäre… ?

Ich bin auf jeden Fall deutlich aufgeregt vor der Operation und vor der Narkose, Egaltablette hin oder her. Außerdem habe ich auch Schmerzen. Meine zahlreichen Tabletten, aus der Morgenkammer meiner Tablettendose, nehme ich ja zum essen und da das Essen heute früh ausgefallen ist, habe ich keine Schmerzmittel genommen. Ich dachte mir auch, dass es im OP ja garantiert entsprechendes geben wird. Dass ich mich ggf. vorher bewegen muß, daran habe ich nicht gedacht.

Im OP kommt man erst mal auf einen Tisch, die sogenannte Schleuse. Der junge, diensthabende, Mann ist etwas verwirrt, dass ich mich so schlecht bewegen kann, aber die Frau hinter der Schleuse versteht mich und erkennt meine Not. Ich krabble und wuchte und sie schiebt mir ein Kissen unter den Kopf, und so liege ich schräg schief auf ihrem blauen Tisch. Der zieht sich dann zurück und kippt mich vorsichtig auf die OP Liege. Wahnsinnstechnik.

Lichter

Noch hier im OP Eingangsbereich bekomme ich eine angewärmte Decke übergelegt und dann werde ich abgeholt. Eine junge Frau stellt sich vor, weiß aber wahrscheinlich, dass ihr Name dank Egaltablette sowieso in kürzester Zeit Schall und Rauch sein wird, und nimmt mich mit. Ich schaue irgendwo hin, kaum fokussiert, an Wände und Decken und wir kommen in einen kühlen, kleinen Raum und schon geht’s los mit ankleben von Überwachungsdingern. Die nette junge Frau fristet ihren Arbeitstag in einem wirklich kleinen, extrem übersichtlichen Raum. Jedes Gerät ist grau, manche piepsen, andere leuchten, manche können beides. Alles wirkt recht trist und beengt. Zumindest alles, was ich sehe.

Und auf einmal wird’s ziemlich bunt. Ich sehe plötzlich überall Farben. Das ist ja cool… und die junge Frau sagt mir, dass sie jetzt für mich mal die Discokugel angemacht hat. Als hätte sie es geahnt, dass ich es hier etwas trist finde. Ist ja witzig.

Aufwachraum

Ich wache auf und kenne mich aus. Zwar habe ich meine Brille nicht auf, aber hier war ich trotzdem schon mal. Meine erste Nacht in der BGU habe ich nämlich hier im Aufwachraum verbracht. Ich bin an lauter Geräte angeschlossen und fühle mich nicht gerade großartig. Meine Schulter tut mir weh. Gut, ist auch kein Wunder, immerhin wurde mir eine Titanplatte eingesetzt, die mein gebrochenes Schlüsselbein bei der Heilung unterstützen soll. Die Schwester, die sofort da ist, als sie bemerkt, dass ich wach werde, gibt sie mir gleich ein Schmerzmittel durch die Braunüle. Ich muß auf die Toilette.

Hier sage ich dazu aber nichts, sonst gibt es die Bettpfanne. Ich kann ja nicht 10 Minuten nach der Narkose im OP Hemd durch den Aufwachraum zur Toilette marschieren. Also schlafe ich erst noch ein bisschen. Nach gut einer Stunde werde ich von der Station abgeholt und auf mein Zimmer, zurück in den sicheren Mikrokosmos gebracht.

Wunderbar

Hier schlafe ich, bis der Arzt kommt und ins schwärmen gerät. Vorher schicke ich dem Zeugwart noch eine Nachricht, dass alles prima ist und ich ab sofort Titanman Wettkämpfe bestreiten kann. Quasi statt Ironman. Ich finde es ziemlich witzig, bin mir aber nicht sicher, ob das noch eine Narkosenachwirkung ist. Schlafen hilft. Dann kommt der Arzt. Er hat mich operiert und gerät verzückt ins schwärmen, als er von meinem Schlüsselbein berichtet. Er ist hochzufrieden und glücklich. Die Platte sitzt fantastisch sagt er, befestigt mit 8 Schrauben wäre sie wie im Lehrbuch angebracht und das sei perfekt. Besser hätte alles nicht laufen können. Ich bin zu müde um ebenfalls verzückt zu sein, aber freuen tue ich mich natürlich. Wo der Start nach meinem Unfall ja etwas holprig war, finde ich es irgendwie legitim, wenn jetzt mal was prima ist.

Pläne

Meine Lunge hat die Narkose wunderbar mitgemacht. Ich werde in 2-3 Monaten in der Lage sein schnauffrei Treppen zu laufen, wenn ich meine Atemtherapie weiter ordentlich absolviere. Mein Schlüsselbein braucht mindestens 6-8 Wochen zum heilen und ist nach ungefähr 1-2 Jahren wieder voll stabil. Die Platte kann im Idealfall in meinem Körper verbleiben. In den nächsten 6 Wochen soll der Arm maximal auf 90° bewegt werden und höchstens 500gr heben. Jedes schwere Gewicht ist, auch wegen der gebrochenen Rippen, auch am gesunden rechten Arm zu vermeiden. Eine Vollbelastung kann ich nach einem Kontrollröntgenbild in 6-8 Wochen wagen, wenn die Ärzte ihr ok geben. Bis dahin sollten auch alle Rippenbrüche verheilt sein.

Meine Teilnahme am Ironman 70.3 Vichy in diesem Jahr habe ich abgesagt. Ich bin auf keinen Fall rechtzeitig fit. Hoffentlich werde ich irgendwann mal wieder so fit, dass ich über eine Teilnahme nachdenken kann.

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Unter dem Alias Clauditries schreibe ich meinen Blog Claudi gives it a TRI seit Mai 2011 als Triathlon - Trainingstagebuch mit all den Geschichten, die abseits vom Zahlenwerk der absolvierten Kilometer und des Durchschnittspulses zu finden sind.

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4 Gedanken zu “Titan – nicht Ironman

  • Helge Orlt

    Liebe Claudi,
    nicht verzagen. Natürlich wirst du wieder fit. Wir sprechen uns nächstes Jahr im Frühlling wieder und sehen mal, was du dir dann schon alles auf den Plan geschrieben hast. Sicher, die nächsten Wochen denkst du erstmal nur ans Gesund werden, aber du wirst sehen, sobald die Knochen wieder verheilt sind, kommt die Bewegung wieder und du wirst sehen, dann wirst du auch bald wieder laufen, schwimmen und radeln.
    Und dann geht es bald auf zum Titanman 😉
    Weiterhin gute Besserung. Lass den Kopf nicht hängen und lass dich nicht unterkriegen.
    Ganz liebe Grüße
    Helge

  • Anna

    Liebe Claudi,

    es freut mich sehr, dass Du die OP gut überstanden hast! Dass Deine Lunge die Narkose gut überstanden hat und auch dass Dein Schlüsselbein erfolgreich geflickt werden konnte! Jetzt brauchst Du „nur“ Zeit und Geduld – was nicht das einfachste ist… Vor allem viel Geduld und weiterhin gut Heilung wünsche ich dir vom ganzen Herzen!!

    Wie lange muss Du noch im Krankenhaus bleiben?

    Ganz liebe Grüße Anna

    • Clauditries Autor des Beitrags

      Hey Anna,
      wenn die Drainage aus der Wunde entfernt wurde, wird zwei Tage später die Lunge erneut kontrolliert und wenn alles ok ist, darf man das Krankenhaus verlassen.
      Viele Grüße,
      Claudi