Ausgebremst weitermachen 2


Es geht ja immer weiter. Irgendwie und ohne Rücksicht. Ich muß die Rücksicht auf mich selbst nehmen, weil das Leben weiterspielt und die Welt sich dreht. Erfreulicherweise bin ich noch da und bekomme es mit, dass ich mich bremsen muß, weil ich manchmal keine Schmerzen habe und dann eine unangenehme Bewegung mache und eingebremst werde oder dass der Zeugwart mir rügt, weil ich in seinen Augen doch zu viel gemacht habe. Es hätte auch anders ausgehen können und dann wäre es jetzt an der Zeit um zu überwinden und auszusortieren. Der Zeugwart müsste ohne mich weiterleben, weil die Ärztin im ersten Krankenhaus Schmerzen im Brustkorb und Atemnot nach einem Fahrradunfall für normal gehalten hat und kein Röntgenbild anfertigen ließ. Der Schaden wäre dann unfassbar groß, ich wäre gestorben und das wahrscheinlich über Nacht. Neben dem Zeugwart.

Was wäre wenn?

Meine Gedanken kreisen in dieser sich weiterdrehenden Welt. Ich denke -viel zu- oft an das „was wäre wenn“ und frage mich, ob wohl alles gut vorbereitet gewesen wäre, wenn der Tod mich geholt hätte. Was heißt in diesem Zusammenhang denn überhaupt gut vorbereitet? Ich habe Betreuungsverfügung und Vorsorgevollmacht, meine Wünsche sind bekannt und doch ist nichts vorbereitet. Ich wollte noch dies, ich wollte noch das, etwas war noch nicht erledigt… das alles beschäftigt mich, weil alle immer auf dem wahnsinnigen Glück, dass ich hatte, rumreiten. Und dabei weiß ich, dass ich Glück hatte und möchte trotzdem, dass es jetzt einfach weitergeht. Es soll voran gehen mit der Genesung. Ich wünsche mir, dass ich so schnell es geht wieder fit bin und Schuhe zubinden wieder schmerzfrei geht. Ich möchte kraulen können. Nicht dass ich unheimlich gerne kraule, oder täglich Schwimmen gegangen bin, aber wenn man etwas nicht machen darf, erscheint es unheimlich verlockend. Ich möchte laufen gehen, joggen, rennen, ich will schwitzen und aus der Puste sein und merken, dass ich alles gegeben habe und dabei voran gekommen bin, ich will es Training nennen und nicht Rehabilitation.

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Wenn ich heute sage, dass ich später 5km laufen gehe, dann meine ich einen Spaziergang. Eine Stunde. Das ist mehr als doppelt so lange, wie ich laufenderweise vor meinem Unfall für die gleiche Entfernung gebraucht habe. Das ist super, sagt der Arzt und ich weiß es selbst, denn über die 4m vom Krankenhausbett zur Toilette kann ich heute lächeln. Was sind schon 4m? Keine Entfernung, keine Aufgabe, nicht die Welt. Vor drei Wochen schon. Die Ansichten ändern sich, die Perspektive wechselt blitzschnell und schon gehen die Erwartungen einfach mit mir durch. Der Körper paßt sich zügig an neue Anforderungen an, er hat ja auch keine Chance… was nicht geht, geht eben einfach nicht. Der Kopf hat es da schon schwerer. Obwohl es auch beim Körper nicht immer leicht ist, auch wenn er könnte, weil es grundsätzlich möglich ist. Sonst könnte ja jeder einen Ironman machen oder Marathon laufen… in schnellen Zeiten. Es gibt Menschen, die trainieren total viel und kommen doch nie unter die 4 Stunden für einen Marathon… obwohl der Kopf es will. Aber der Körper bremst.

Vorhersage

Mein Herz nennt meine Spaziergänge nicht Training, mein Puls ist zu niedrig. Meine Lunge dagegen, ist fast am Limit. Schneller kann ich zumindest nicht. Im Moment. Es geht weiter und natürlich wird es irgendwann auch wieder gehen. Schneller, höher, weiter eben. Der Aktive spricht bereits von Rollentraining im Winter und ist extrem positiv eingestellt. Ich bin auch nicht negativ eingestellt, trotzdem sehe ich  mich im kommenden Winter nicht auf der Rolle. Irgendwie fühlen sich die 5km gehen im Moment nicht nach Rollentraining im Winter an. Aber, ich lasse mich überraschen und freue mich einfach, wenn der Aktive recht behält. Bislang hatte er mit seinen Vorhersagen meistens recht… Vorfreude ist eben einfach die schönste Freude! Vielleicht bin ich mit meinen Hausaufgaben auch deshalb so akribisch, weil ich damit schon mit meinem Knie und meiner Hüfte ordentlich Erfolge verzeichnet habe? Der Aktive weiß einfach, was funktioniert und was nicht, verlässlich und erfolgreich.

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Unter dem Alias Clauditries schreibe ich meinen Blog Claudi gives it a TRI seit Mai 2011 als Triathlon - Trainingstagebuch mit all den Geschichten, die abseits vom Zahlenwerk der absolvierten Kilometer und des Durchschnittspulses zu finden sind.

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Über Clauditries

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2 Gedanken zu “Ausgebremst weitermachen

  • Helge Orlt

    Liebe Claudi,
    der Aktive kennt sich aus. Du hast schon so viel geschafft, was du die vorher niemals zugetraut hättest. Und auch diesmal wird es so sein.
    Denk nicht so viel darüber nach, was wäre wenn gewesen, egal was man tut und nicht tut, man wird eh nie darauf vorbereitet sein was alles passieren kann.
    Und freue dich auf das Rolle-Fahren im Winter. 🙂
    Du bist so fleißig und machst alles, was du kannst, um schnell wieder zurück zukommen. Das wird sich bezahlt machen.
    Drück dich und wünsche dir ganz ganz viel gute Besserung
    Und schöne Gedanken
    Liebe Grüße
    Helge

  • Andrea

    Liebe Claudi,

    ich bin froh zu sehen, wie du deinen Alltag meisterst. Wie deine Perspektiven sich schon wieder verändert haben, von 4m auf 5km. Das ist super. Mach weiter so. Und höre trotzdem auf den Zeugwart 🙂 ich denke, er ist genauso froh wie du, dass du noch da bist. Und wenns halt langsamer läuft, dann lieber langsamer als gar nicht.

    Ich freue mich immer wieder, von dir zu lesen. Zu lesen, wie du vorankommst.
    Und wenn der Aktive jetzt schon an ein Rollentraining im Witner glaubt, dann glaub einfach selber auch dran 🙂

    Und so wie es mit Hüfte und Knie vorangegangen ist nach deinem ersten Unfall, so wird auch die Lunge sich wieder erholen.

    Ich wünsche dir weiterhin eine gute Besserung.
    Andrea