Sag niemals nie, aber lebe in der Gegenwart 2


Gerade Nachts wache ich immer noch öfter mal auf, wegen meiner Schulter. Sie schmerzt dann, weil das Seitenschläferkissen sich verkrümelt hat und sie deshalb einfach so rumhängt. Ungeführt und ohne Kraft. Der Aktive findet, dass ich der Sache nachgehen sollte. Nicht der, warum sich das Seitenschläferkissen verkrümelt, sondern dem Rumhängen der Schulter. Nicht, dass die Sehne in Mitleidenschaft gezogen wurde? Oder wird? Mit meinem Knie mache ich nach meinem ersten Unfall ja auch immer noch rum. Obwohl ich da ja noch nicht mal was habe, sagen die Ärzte.

Ich folge also dem Ratschlag des Aktiven und vereinbare einen Termin beim Spezialisten. Zufälligerweise ist der Spezialist nicht nur für Schultern da, sondern auch noch Experte auf dem Gebiet Knie. Was meiner Problemstellung ja mehr als entgegen kommt um es nur mal vorsichtig auszudrücken. Vor einigen Wochen habe ich also beim König dieser Fachbereiche angerufen und einen Termin für heute vereinbart. Wenn man krank ist, dann kann man ja nicht immer so, wie man möchte und so liegt der Termin ganz arbeitnehmerfreundlich am frühen Nachmittag. Der König hat ganz offenbar auch noch andere Patienten zu behandeln und deshalb ist „möglichst zu einer Randzeit“ eben bei mir nicht berücksichtigt worden. Oder ich hätte eben länger auf den Termin gewartet.

Erfreulicherweise ist mein Arbeitgeber einer gesundheitlichen Abklärung nicht abgeneigt und würde sich auch freuen, wenn ich ordentlich schlafen könnte. Also mache ich meine Mittagspause heute mal in der Stadt und marschiere überpünktlich zum Arzt. Der residiert königlich in einer regelrechten Stadtvilla und ich bin beeindruckt, dass ich als Kassenpatientin überhaupt vorstellig werden kann. Als ich die Tür öffne, bin ich gleich noch mal beeindruckt, und zwar von der Masse an Menschen, die hier im Wartebereich sitzt.

Im Gegensatz zu draußen, wo wir im Rhein-Main-Gebiet heute angenehme 33°C haben, ist es hier regelrecht frisch klimatisiert. Zahlreiche Patienten sitzen hier mit Verbänden, Krücken und Bandagen und alle warten. Ich werde ganz lieb willkommen geheißen und fülle als erstes Mal einen Fragebogen aus und was zum Datenschutz. Und dann sortiere ich mich bei den Wartenden ein. Ohne Krücken, Verband oder Gips, wirke ich hier irgendwie deplatziert. Ob ich mein angeschwollenes Knie mal freilegen soll, damit die Mitwartenden verstehen, was ich hier eigentlich mache? Die Kranken leiden sichtlich, überall gibt es Krückenklicker an der Wand, damit die nicht auf dem Fußboden rumliegen und immer, wenn sich die Tür öffnet, kommen neue Krücken herein. Die Sprechstundenhilfen haben unendliche Geduld, denn wenn sie einen Namen nennen, dann dauert schon das Aufstehen vom Stuhl wesentlich länger als in jeder anderen Arztpraxis in der ich zuvor war.

Trotzdem wird alles mit einem Lächeln begleitet. Die Praxisorganisation ist, zumindest im Bezug auf meinen Termin und das damit verbundene Timing, vorbildlich. Mein Termin ist um 15:10h und um 15:12h werde ich aufgerufen. Das macht mir schon fast Angst. Nervös bin ich sowieso, werde aber von einer so netten und zuvorkommenden Sprechstundenhilfe in Empfang genommen, dass fast die komplette Nervosität blitzschnell verfliegt. Ich lege zahlreiche Befunde und Arztbriefe vor und ehe die Bilder vom Röntgen ganz auf dem Bildschirm im Behandlunsraum erscheinen, ist der König auch schon anwesend und die Patientenbegutachtung beginnt. Meine Platte sitzt super und meine Narben heilen vorbildlich, sagt er. Fast schon verzückt freut er sich über die schöne Heilung und sagt, dass meine rumhängende Schulter in Wirklichkeit gar nicht so dolle rumhängt. Aber die Platte nimmt Platz weg und deshalb schmerzt das eben.

Da sie mindestens 24 Monate drin bleibt, brauchen wir uns jetzt nicht über irgendwelche weiteren Therapiemöglichkeiten Gedanken zu machen. Ich soll weiterhin zur Physiotherapie gehen und wenn ich dann im nächsten Jahr immer noch Probleme habe, dann könnte man sich doch über die Herausnahme der Platte Gedanken machen. Das allerdings ist dann wieder mit allen Risiken verbunden und zieht dann auch wieder eine Sportpause und eine Krankphase mit sich. Schöner wäre es, ich gewöhne mich dran und die Schmerzen werden weniger. Er ist nicht überrascht, und positiv gestimmt. So, wie ich die Schulter bewegen kann, sind die Sehnen top. Das klingt doch sehr erfreulich. Ich erwähne, dass die Schulter beim schwimmen schnell müde wird, aber der König ist gute Mutes, dass das reine Trainingssache ist.

Das mein Knie ein Thema hat, sieht er quasi schon von weitem. Er vermutet, dass ich einen leichten Knorpelschaden habe, seit dem Unfall. Er könnte eine umfangreiche Diagnostik machen, rät aber davon ab, weil sich im Anschluß sowieso nichts ändern würde. Einen Knorpelschaden kann man nicht wirklich behandeln. Wenn das schlimmer wird, dann können wir uns dem Knie immer noch annehmen, aber wenn ein Knie 70km schmerzfrei und weitere 30km mit Bandage Fahrrad fahren kann, ein Trainingslager mit täglichen radeln auf Mallorca übersteht und im Kraichgau einen Halbmarathon laufen konnte, dann dürfte der Schaden nicht wesentlich sein und es sich schlimmer anfühlen, als es tatsächlich ist. Trotzdem ist der König überzeugt, dass ich die Blüte meine Triathlonkarriere bereits habe aufblühen sehen und dass ich mein Herz um Gottes Willen bitte auf keinen Fall an eine weitere Mittel- oder Langdistanz in naher Zukunft hängen soll.

Sein Glück von sportlichen Erfolgen abhängig zu machen, findet er sowieso nicht sinnvoll. Und im meinem Fall sollte ich mich eher auf die Bewegungsfreude konzentrieren, als auf den Wettkampfmodus. Das meint er nicht böse, aber die Grenzen des Sports sind ersichtlich und wenn man zu viele Schmerzen hat, dann sollte man sich überlegen, ob die Medaille wirklich alles ist. Sag niemals nie, aber lebe in der Gegenwart. Weise Worte. Wer weiß schon, was die Zeit bringt?

Ich bin sehr zufrieden mit diesem Arztbesuch. Es gab klare Erklärungen, deutliche Beurteilungen und sehr viel Patientenzeit, das hat gut getan. Mit dem Ergebnis bin ich semi-zufrieden, aber ändern kann ich es ja sowieso nicht, also bringt es nichts deprimiert zu sein. Wie der König so schön sagte… sein Glück hat jeder selbst in der Hand und vor allem auch, wovon es abhängt.

 

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Unter dem Alias Clauditries schreibe ich meinen Blog Claudi gives it a TRI seit Mai 2011 als Triathlon - Trainingstagebuch mit all den Geschichten, die abseits vom Zahlenwerk der absolvierten Kilometer und des Durchschnittspulses zu finden sind.

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2 Gedanken zu “Sag niemals nie, aber lebe in der Gegenwart

  • Helge Orlt

    Liebe Claudi,
    manchmal ist es ja gut, wenn jemand ganz offen und einfach sagt was Sache ist. Auch wenn es manchmal Sachen sind, die man eigentlich gar nicht hören will.
    Ich kann man erinnern, das du auch nach deinem ersten Radunfall und deinen Knieproblemen (die anscheinend ja immer noch da sind) keine große Hoffnung sahst, jemals wieder eine Mitteldistanz zu machen. Und dann hattest du einen so tollen Tag im Kraichgau.
    Sag niemals nie.
    Das ist doch eine gut Aussage 🙂
    Ich jedenfalls bin mir ziemlich sicher, das das noch nicht alles für dich war in Bezug auf Triathlon 🙂
    Liebe Grüße
    Helge

    • Clauditries Autor des Beitrags

      Liebe Helge,
      Du hast -wie so oft- vollkommen recht. Und weil das Ende nicht in Sicht ist, mache ich am Sonntag bei einem Triathlon mit. Beim 10 Freunde Triathlon hier in Frankfurt mache ich 1/10 der Ironmandistanz. Ich freue mich schon! 🙂
      Alles Liebe,
      Claudi