Abgelenkte Anfeuerung


Es ist unheimlich früh. Der Wecker klingelt erbarmungslos und ich kann gar nicht glauben, dass der Tonangeber seine Startzeit nicht ausgesucht hat um dann in die Startgruppe um 6:30h gepackt zu werden. Wo der Tonangeber ist, ist vorne, so scheint sich das der Startgruppenjongleur gedacht zu haben… stimmt ja auch irgendwie, aber gleich die erste Startgruppe hätte es nun doch nicht sein müssen. Sowas steigt Athleten auch gerne mal in den Kopf. Von wegen vorne und so.

Hamburg Schwimmstart

Dank des extrem guten öffentlichen Nahverkehrs in Hamburg schaffen der Zeugwart und ich es an die Strecke und warten. Was wir ihm wohl zurufen? Ich überlege mir schon mal ein paar schlaue Sprüche, weil er die garantiert besonders gerne hört und wundere mich dann, wann er denn nun endlich kommt. Immerhin ist er gut geschwommen, für meine Verhältnisse, wie ein Seepferdchen, und jetzt? Dass es beim Rad fahren hapert kann ich mir nicht vorstellen.

Wenn ich ihn sehe rufe ich ihm als erstes zu, dass wir zeitig essen. das ist mein absoluter Lieblingsspruch. Dann werde ich ihm wahrscheinlich auch noch mitteilen, dass ich ihn fast malen kann und dass er natürlich -wie immer- wahnsinnig gut aussieht. Oder, dass es nicht mehr weit ist. Das kommt auch immer gut an. Aber dass er immer noch nicht da ist, finde ich komisch. Während wir mit The Rock und Sugardaddy rätseln, wo der Tonangeber geblieben sein könnte, telefoniere ich mal mit der Teamchefin und erfahre, dass er mit dem Rad gestürzt ist und auf dem Weg ins Krankenhaus sei.

Oh nein.

Ein Alptraum. Wir wissen nichts genaues. Ein Sturz, ich bin geschockt. Gestern schon die zwei Radstürze bei den Eliteathleten, heute der Tonangeber. Was ist denn da bloß los? Kommen die Einschläge etwa knapp ein Jahr nach meinem Radunfall wieder näher? Der Tonangeber ist nicht nur irgendein Bekannter und selbst diesen wünsche ich keine Unfälle, egal welcher Art. Aber nun gerade der Tonangeber, der, mit dem großen Ziel Ironman Hamburg, der auf Mallorca meine Wasserlage begutachtet und immer ein offenes Ohr für meine Ziele, mögen sie auch noch so wild sein, hat? Der? Ich habe das Gefühl, wir sind alle schockiert, aber gefasst.

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Am Tricamp Messestand verteilen wir Flyer und führen nette Gespräche, wir feuern unsere Campkollegen an und wünschen auch Tricampern alles Gute, die wir gerade erst hier getroffen haben. Aber wenn sie Tricamper sind, dann stimmt alles, dann müssen sie passen und dann sind wir irgendwie auf einer Wellenlänge. Als der Teamsprint der Eliteathleten startet haben wir bereits Neuigkeiten aus dem Krankenhaus und wir haben das verunfallte Fahrrad sowie die ungenutzten Laufschuhe und den nassen Neo aus der Wechselzone organisiert. Der Tonangeber ist bekannt, wie ein bunter Hund, und so will jeder, mit dem ich in der Wechselzone zu tun habe, wissen, was passiert ist, warum und wie es ihm geht.

Dann beginnt der Teamsprint und wir werden gut abgelenkt. Trotzdem schweifen meine Gedanken immer wieder zum Tonangeber und wünschen ihm Glück. Der beste Athlet nützt nichts, wenn die Knochen brechen und die Sehnen reißen, da hilft nur die Zeit. Zeit, die er bis zum Ironman Hamburg nur wenig hat. Mir hilft das Schwimmen der Profiathleten trotzdem etwas um mein Gehirn durchzuschütteln. Die Damen schwimmen, wie vom Hai gejagt.

Hamburg

Die Alster gleicht einer Waschmaschine. Wir hören sie schon durch den Tunnel schwimmen, lange, bevor sie zu sehen sind. Es ist beeindruckend. Ich bin begeistert. Auch das Radeln und Schwimmen der Staffel ist der absolute Wahnsinn. Die Geschwindigkeit, die Entschlossenheit, die weiten Schritte, es gibt keinen Zweifel, warum diese Athleten zur Weltelite im Triathlon gehören. Hier wird das Gesamtpaket geliefert.

Hamburg

Der Tonangeber ist mittlerweile aus dem Krankenhaus zurück und sitzt im Messezelt. Er sieht fertig aus. Ich leide mit. Noch stehen ihm viele Arzttermine bevor und eine finale Diagnostik steht noch aus, aber er muß heute nicht in Hamburg im Krankenhaus bleiben. Zu Hause ist es doch immer noch am schönsten, da kann auch Hamburg nicht mithalten. Wir drücken die Daumen, dass der Arzt vielleicht doch nicht richtig geschaut hat, und die Bänder nicht durch sind. Vielleicht kommt er um eine OP drumrum? Vielleicht heilt alles einfach so? Die Hoffnung stirbt zuletzt. Mir tut das so leid, weil ich genau weiß, wie lange eine Rückkehr dauern kann. Und ich weiß, wie entmutigend so eine Situation sein kann.

Aber ich bin mir sicher, der Tonangeber ist ein Kämpfer und schon gestern, bei Laura Lindemann habe ich ja festgestellt, dass ein Triathlet erst fertig ist, wenn er im Ziel ist. Und dass aufgeben nicht in Frage kommt. Der Tonangeber wird sich zurückmelden. Da gibt es keinen Zweifel. Und bis es soweit ist, wird es ganz bestimmt auch gar nicht so lange dauern! Weil man machmal auch einfach Glück hat im Leben.

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Unter dem Alias Clauditries schreibe ich meinen Blog Claudi gives it a TRI seit Mai 2011 als Triathlon - Trainingstagebuch mit all den Geschichten, die abseits vom Zahlenwerk der absolvierten Kilometer und des Durchschnittspulses zu finden sind.

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