Bis zum Horizont


Eigentlich bin ich immer noch müde und immer noch geschafft, aber die jungen Kollegen sind einfach eine zu verlockende Sportbegleitung, als dass ich mich wirklich in meinem Muskelkater suhlen wollen würde. Der Charmeur sagt, meine Langsamkeit käme ihm gerade recht, und der Power Ranger findet, dass er uns auf dem Rückweg seiner langen Laufrunde doch heute einfach einsammeln könnte. Vom Prinzip her kann ich also gar nicht nein sagen.

Der Charmeur würde den Weg ohne mich sowieso nicht finden. Wo ich ja schon immer denke, dass ich mich im absoluten Notfall der Orientierungslosigkeit auf die Rücknavigation meiner Uhr verlassen könnte, oder zumindest etwas auf meine Ortskenntnis, wäre der Charmeur vollkommen und absolut hoffnungslos verloren. Er hat eine Orientierung wie ein Stuhl. Und zwar einer, der hier noch nie vorher gewesen ist.

Wie auch immer wollen wir heute endlich mal die normale Mittagslaufrunde der Kollegen in Angriff nehmen. Die laufen regelmäßig ihre 8,5km in lockeren 40-50Minuten und behaupten durch die Bank weg alle, dass die Strecke weitestgehend flach sei. Zwei kurze Anstiege gäbe es, wird sich erzählt, aber die seien genauso schnell vorüber, wie sie gekommen seien und ansonsten sei die Strecke gut zu rennen und einfach. Auch Walter Mitty haut in diese Kerbe der Einfachheit und wird von William Thacker diesbezüglich unterstützt.

Beide Männer haben keinen Grund mir etwas Böses zu wollen, also gehen der Charmeur und ich voller Kampfgeist und mit viel Tatendrang auf die Mittagslaufrunde. Wir wollen sein, wie die anderen Kollegen. Wir wollen zu den normal sportlichen gehören, zu denen, die mittags eben 8,5km laufen können, und nicht nur 5,5km. Wer weiß schon, warum das so ist? Die Runde beginnt locker, weil sie erst ein gutes Stück, weit über einen Kilometer lang, Bergab führt. In der Kollegengruppe gibt es Präferenzen ob die Runde mit, oder eben gegen den Uhrzeigersinn gelaufen werden soll, ich habe natürlich keine Präferenz. Ich freue ich einfach, dass ich heute mal länger laufe mittags.

Im nu sind der Charmeur und ich die ersten 3km gelaufen und machen unsere erste kurze Gehpause. Statt nach sonst 2km möchte ich heute zwei mal nach drei Kilometern eine Gehpause machen, das sollte auch klappen, denke ich. Der Charmeur macht eh alles mit, weil er entweder nicht zugeben möchte, dass es ihm schwer fällt, oder weil er Angst hat, mit seiner Orientierungslosigkeit ohne mich jäh verloren zu sein. An was genau seine stetige Zustimmung liegt, weiß ich nicht, aber manchmal sind Männer ja auch einfach so, vor allem, wenn sie jung sind.

Wir biegen um die nächste Kurve und laufen förmlich gegen eine Wand. Walter Mitty hat von einem kurzen Anstieg geredet, aber das hier ist alles andere als kurz. Das liegt natürlich vor allem an unserer Geschwindigkeit, Herr Mitty fliegt hier hoch, wie ein Gejagter. Er ist gut trainiert, wohingegen ich noch von dem bisschen radeln vom Montag müde bin. Wir sind einfach in unterschiedlichen Ligen tätig, er und ich. Aber so unterschiedlich hätte ich dann doch nicht gedacht. Der Charmeur muß auch schlucken. Er und ich haben, was Anstiege angeht, gleiche Maßstäbe.

Während wir noch hochlaufen, kommt uns der Power Ranger entgegen. Er ist vollkommen unausgelastet, springt rum, wie ein junges Reh und unterhält uns großartig. Allerdings ist er auch der Meinung, dass die Strecke sehr flach sei. Unfassbar. Er ist im Mitty – Thacker – Team. Eindeutig. Ich schimpfe mit der letzten Puste, die ich habe, auf die Herren, die eine flache Strecke angekündigt haben und darauf, dass ich mich einfach so auf sie verlassen habe. Ich brauche die nächste Gehpause schon nach weiteren 2km und kann nicht noch einen Kilometer weiterlaufen.

Berge

Dann aber laufen wir in mehr oder weniger trauter Dreisamkeit, außer, dass ich ab und an noch so auf Herrn Mitty schimpfe, dass die jungen Herren peinlich berührt sind und ihm im Büro ganz bestimmt heftigst die Ohren klingeln, zurück zum Büro. Der Charmeur kann die Weite kaum fassen, als wir um die nächste Ecke biegen und das Bürogebäude nur am Horizont zu erkennen ist. Ich glaube, er ist auch ganz froh, wenn wir dann irgendwann auch wieder zurück sind. Aber zugeben würde er das nie.

Auch typisch für die jungen Männer heute. Oder für jeden Mann vielleicht auch. Erfreulicherweise geht es jetzt ein Stück Berg ab, was die Herren dazu ermuntert die Geschwindigkeit anzuziehen und irgendwie haben sie auch recht, also laufen wir einträchtig nebeneinander her. Der Power Ranger springt ein paar Lauf ABC Übungen und läuft rückwärts neben uns her. Also wenn der beim Ironman in Frankfurt nicht ganz locker seinen Marathon abspult, dann werde ich mal rückwärts neben ihm herlaufen! Und jetzt fängt er auch noch an Fragen zu stellen. Und erwartet tatsächlich, dass ich antworte.

Die Jugend ist so lustig. Ich vertröste ihn mit meinen Antworten, schimpfe noch mal auf Walter Mitty, der mich mit dieser Laufrunde klammheimlich aufs Glatteis geschickt hat, und schon sind wir wieder am Büro. Netterweise öffnet Walter Mitty uns die Tür und so kann ich vollkommen außer Atem an ihm vorbei in die Küche schießen und mich dann erst mal in den Flur setzen. Ich bin fix und fertig. Der Power Ranger und der Charmeur sind einfach viel zu jung und viel zu gut trainiert. Aber ich habe die Runde geschafft. Und irgendwie kommt es darauf ja auch an.

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Unter dem Alias Clauditries schreibe ich meinen Blog Claudi gives it a TRI seit Mai 2011 als Triathlon - Trainingstagebuch mit all den Geschichten, die abseits vom Zahlenwerk der absolvierten Kilometer und des Durchschnittspulses zu finden sind.

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