Ironman Barcelona – VENGA


Ich wache früh auf heute. Das liegt einerseits daran, dass auf unserem Hotelflur praktisch nur aufgeregte Triathleten wohnen, die alle bereits seit 5h versuchen ihren Neo anzuziehen, an ihre Schwimmbrille zu denken und sich gegenseitig Mut zuzusprechen und andererseits liegt’s am Wetter. Draußen ist so richtig ordentliches Mistwetter: Regen vom Feinsten und ordentlich Gewitter.  
Na dann guten Morgen auch. Ich dachte, wir sind in Spanien und hier ist das Wetter imm schön? Außerdem gibt es nur Strand, lustige Menschen, Paella und das günstigste Flaschenwasser, was man sich vorstellen kann? Und jetzt das? Also ich bin ja nicht anspruchsvoll und ein Schirm gehört auch immer in mein Reisegepäck, aber dieser Wolkenbruch inklusive Gewitter finde ich geht einfach zu weit. Was denkst sich denn der liebe Gott bitte dabei? Wahrscheinlich nichts. 
Wir laufen im strömenden Regen zum Schwimmstart und sind dabei -trotz Schirm und Regenjacken- schon das erste Mal durchnässt. Es gießt wie aus Eimern in vollen Zügen und über die Strasse kann man Bötchen fahren lassen, falls man dazu morgendlichen Elan entwickeln wollte. Genug Wasser fließt auf jeden Fall in Bächen von überall her. 
Alle Athleten sind im Registrierungszelt, das jetzt keine Registrierung sondern eine Straßenklamotten und Athleten in Neoprenanzügen-Aufbewahrung, versammelt und harren aus. Bei Gewitter will keiner dringend draußen stehen. Außerdem ist es windig und kühl. Da hilft auch das komplette Vorstart-Adrenalin nicht, dass sich im Athletenkörper angesammelt hat. Irgendwann kühlt jeder mal aus. Im Zelt geht’s mit der Temperatur und hier treffen wir auch den Flitzer. Und dann harren wir gemeinsam aus, während der Veranstalter sich mit dem Wettergott kurzschließt und allerlei Prognosen abwägt. Wir fühlen uns aber alle immer vorbildlich informiert, denn die zwei Herren, die gestern bereits durch die Pastaparty geführt haben, halten uns stets in verschiedenen Sprachen auf dem Laufenden. Alle sind aufgeregt, voller Hoffnung und zu 98% in Neopren. 
Irgendwann kommt die erlösende Durchsage und das Zelt bebt… der Ironman Barcelona findet statt und zwar einfach nur 30Minuten verspätet. Unglaublich, was da an Organisationsarbeit im Vorfeld statt gefunden haben muß. Immerhin kann man ja nicht einfach mal so eine Straße 30Minuten länger sperren, weil es einem gefällt, oder am Strand 30Minuten länger laut Musik spielen, weil es eben morgens gewittert hat. Aber in Spanien ist irgendwie doch alles möglich. Es geht also nicht um 8:30h los, sondern um 9h. Und wenn ich so auf die Uhr schaue, dann ist das auch schon bald. Jetzt steigt die Aufregung wieder, nachdem allen erst mal der große Gewitterstein vom Herzen gefallen ist. 
Wir begleiten den Flitzer nach draußen und stehen noch ein bisschen mit ihm im nachlassenden Regen, bis es auch für ihn und seine Startgruppe Zeit wird in die Startaufstellung zu gehen. Von unserem Sichtpunkt aus hören wir keinen Startschuß, aber weil das Meer auf einmal noch welliger wird als so schon und urplötzlich ganz viele schwarze Neoprenanzüge im Wasser sind, wissen wir, jetzt ist es soweit. Die Zeit zählt. Und wie das so ist, wenn der liebe Gott ein Ironman ist… der Regen hört auf und der Himmel beginnt langsam aufzureissen. 
Wir laufen zum Bikepark, wo sich beide Wechselzonen dieses Wettkampfs befinden und warten am Schwimmausstieg auf den Flitzer. Trotz des Mistwetters und der Kühle, die es hier nach wie vor hat, sind erstaunlich viele Zuschauer am Strand um die Athleten zu begrüßen. Ich bin baff, wie flott die alle hier sind… entweder ich kann wirklich gar nicht schwimmen (das vermute ich) oder die Strömung ist einfach gigantisch gut und hilft den Athleten ein bisschen in die richtige Richtung. Beim Schwimmstart sah es übel aus und sie mußten ganz schön „keulen“, aber jetzt kommen die Profis mit Zeiten hier raus, die sich gut mit Frankfurt vergleichen lassen. Und Frankfurt ist ein See, ohne Strömung, ohne nennenswerte Wellen und nicht salzig. Und auch der Flitzer schafft es, die angepeilte Stunde fast punktgenau zu treffen. 
Pünktlich, bzw. eigentlich schon fast zu pünktlich kommt der Flitzer mit seinem schwarzen Rad an uns vorbei gefahren. In Calella sind die Strassen so eng und die Streckenführung windet sich so dermaßen durch den Ort, dass hier kein Windschattenverbot ausgesprochen wurde. Das ist auch das einzig Wahre. Viele Athleten sind unsicher in den engen Kurven und da, wo keiner unsicher sein müßte, gibt es Bodenwellen um den Verkehr zu beruhigen oder wie hier auf dem Bild riesige Pfützen, weil das ganze Wasser, das sintflutartig vom Himmel kam, eben nirgends hin konnte. 

Wir schicken den Flitzer auf seine Radstrecke in Richtung Barcelona und feuern noch ein bisschen an. Mittlerweile klart der Himmel wirklich merklich auf und in meiner Regenjacke wird es mir ja spontan deutlich zu warm. Das ist ungewöhnlich, aber manchmal passiert das auch. Der Zeugwart und ich machen ein kurzes Brainstorming und beschließen dem Flitzer auf der Radstrecke entgegen zu gehen um ihn dort nochmals anzufeuern. Dafür muß man in Calella auf die Küstenstrasse, die nach Barcelona führt. Wir erklimmen also die Radstrecke und laufen dem immer heller werdenden Himmel entgegen. Mittlerweile ist es so richtig warm. Der Blick von hier oben auf die Schwimm- und Laufstrecke und die Finishline ist beeindruckend. Bei sowas bekomme ich Gänsehaut und das, obwohl noch gar nichts los ist. Alle Welt hat sich hier in der Kurve versammelt um kurz vor dem Kreisel so richtig Getöse zu machen.

Wir müssen nicht lange warten, da kommt der Führende „le primero“ auf dem Rad auch schon an uns vorbei geschossen und als irgendwann die Meldung kommt, dass die Schwimmstrecke jetzt dicht ist, werden diese letzten Athleten, die auf die Radstrecke gehen fast noch lauter unterstützt, als der Führende. Das finde ich super und es macht mir gleich die nächste Gänsehaut. Die Zuschauer rasten so richtig aus. Herrlich. Dazu noch die Musik von vor der Kurve, die wir gut im Hintergrund hören und alles schreit lautstark „venga“ weil das in Spanien eben so gemacht wird. Venga übernehme ich knallhart, obwohl ich sonst kein Spanisch spreche. 
Das wird mir zum Verhängnis. Offenbar ist meine Aussprache von venga und mein Enthusiasmus so spanisch, dass mich eine Familie, deren Sohn ihnen beim Vorbeifahren „Doz horas“ zuruft, sofort in ihren spanischen Wortschwall integriert. Dass er nur noch zwei Stunden braucht, habe ich verstanden, allerdings ansonsten gar nichts. Aber seine Eltern sind dermaßen begeistert, dass sie kaum glauben können, dass ich keinen Ton verstehe. Der Zeugwart neben mir lacht sich fast kringelig, weil der spanische Vater mit Händen, Spanisch und Füßen auf mich einredet und mir genau erklärt, dass sein Sohnemann offenbar voll im Zeitplan ist und es heute sowas von reissen wird, dass uns allen die Ohren schlackern. Ich freue mich einfach mit. 
Anders geht es hier auch nicht. Ich begrüße deshalb auch den Flitzer mit einem lautstarken und äußerst fröhlichen VENGA, allerdings glaube ich nicht, dass er sich daran überhaupt noch erinnern wird. Überhaupt scheint der Flitzer alles, was ich ihm bei den Begegnungen auf der Radstrecke zurufe nicht wahrzunehmen. Er tunnelt wohl so vor sich hin. Zumindest sieht sein regungsloses Gesicht so aus. Er ist hochkonzentriert. Gut, dafür gibt es zahlreiche andere Starter, die mein gut hörbares venga mit Freude, Lächeln und hochgehaltenen Daumen quittieren. 
Ein Fahrer, der ein Trikot und eine Hose im Design der katalanischen Flagge trägt, schießt bei den Zuschauern allerdings den absoluten Vogel ab. Für ihn scheint die Radstrecke auch eher Kindergeburtstag als Ironman zu sein, denn er hat noch die Puste uns Zuschauer zum noch lauteren Anfeuern anzutreiben und als er etwas ruft, dass ich frei mit „Freiheit für Katalonien“ übersetze, brennt der Berg. Das muß man wirklich sagen, der Kerl wußte wahrscheinlich, was er damit verursacht… aber ich bin absolut überwältigt. Die Leute sind vollkommen aus dem Häuschen und ihn trägt ein wahrer Sturm der Begeisterung in den Kreisel und wieder zurück auf die Radstrecke. Also der weiß mal ganz genau, wie man hier den Kessel zum kochen bringt. Respekt. 
Als es der Flitzer nicht mehr weit hat, müssen wir an die Versorgung der Anfeuerer denken und begeben uns über eine, uns vorher unbekannte Treppe, zum Strand hinunter. Hier bekommen wir etwas zu essen und zu trinken und sehen dann auch gleich wie Konstantin Bachor auf der Laufstrecke vorbei kommt. Also ich kann da nicht lange rumsitzen um etwas zu essen, ich möchte an die Stecke um anzufeuern. Immerhin kann ich nun ein Wort Spanisch! 

Und so feuern wir also auf der Laufstrecke noch fleißig an, unterstützen den Flitzer so gut es geht und hören, dass „es bei ihm ja gut läuft“. Na bravo, mehr wollten wir auch gar nicht hören. Athleten sollten während des Wettkampfs nur die wesentlichen Sachen mitteilen und sich ansonsten voll auf die Disziplin konzentrieren. Leider können wir nicht bis zum Ende des Wettkampfs bleiben, weil wir zur arbeitenden Bevölkerung gehören und deshalb einen Flug bekommen müssen damit wir morgen wieder im Büro sind. Aber nach dem letzten Anblick des Flitzers wissen wir, dass mit dem Zieleinlauf alles paßt. 
Wir schmettern ein letztes venga und verlassen Spanien. 
Clauditries

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Unter dem Alias Clauditries schreibe ich meinen Blog Claudi gives it a TRI seit Mai 2011 als Triathlon - Trainingstagebuch mit all den Geschichten, die abseits vom Zahlenwerk der absolvierten Kilometer und des Durchschnittspulses zu finden sind.

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Über Clauditries

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