Schnee im Sommer


Obwohl für den Zeugwart und mich Wettkampflust und Wettkampfbereitschaft in weiter Ferne liegt, fahren wir an diesem Wochenende nach Zell am See in Österreich. Walter Mitty, Emily Erdbeeren und das Tier machen hier ihren ersten 70.3 und der Sugardaddy, der König der Löwen und zahlreiche andere Tricamp Athleten starten zum Saisonabschluss. Der Zeugwart und ich sind einfach nur als Tricamp Edelfans vor Ort. Wir wollen die Berge genießen, etwas radeln und vor allem Zeit mit Sarabi verbringen, die am letzten Wochenende beim Ironman Kalmar mal wieder Großes geleistet hat. Sie hat sicherlich allerhand zu erzählen.

Als wir in Richtung Süden fahren, wird das Wetter immer schlechter und schlechter und tatsächlich ist auch der Wetterbericht für das anstehende Wettkampfwochenende vernichtend. Es soll regnen und kalt werden, was wirklich so überhaupt nicht zu einem freien Wochenende und schon gar nicht zu einem 70.3 Triathlon passt. Was stimmt denn da nicht mit dem Wetter hier in Österreich? In den Bergen schlägt das Wetter ja auch mal schnell um, aber seit ein paar Tagen und vor allem seit unserer Ankunft hier, verändert sich die Vorhersage wirklich kaum. Und auch das Temperaturempfinden ist eindeutig, alle Tricamper pusten hier ins selbe Horn. Es ist schon am Freitag frisch. Walter Mitty dreht noch mal eine Runde auf dem Wettkampfrad, weil man das halt nun mal so macht, und dann schließt er es im hoteleigenen Fahrradunterstellraum an. Wir spazieren im strömenden Regen zur Startunterlagenausgabe, schauen uns den Zielbereich in der Innenstadt an und fahren dann mit der Fähre zurück ins Hotel, das auf der anderen Seite des Sees liegt.

Der Zeugwart und ich packen unsere Räder gar nicht erst aus. Freitag nicht und auch am Samstag verbringen wir die Zeit bis zum einsetzenden Dauerregen lieber mit einer Schwimmeinheit vor dem Frühstück im Zeller See und nach dem Frühstück mit einer Wanderung auf den Hausberg. Die Chefin und Sarabi sind mit von der Partie und wir nutzen das noch gute Wetter richtig aus. Die Blicke über den Zeller See sind herrlich, die Schwimmstrecke sieht prima aus und die grünen Almen mit den Kühen und die weiter Sicht macht Lust auf mehr. Es ist hier wirklich wie Urlaub. In meiner Kindheit war ich mit meinen Eltern öfter in Südtirol, da sah es ganz ähnlich aus. Diese Wanderung ist auch Urlaub pur, außer, dass es immer nur Berg auf geht. Das ist anstrengend, aber ich ahne schon, dass der Rückweg eigentlich schwieriger und noch anstrengender wird. Nicht für die Lunge, sondern auch für die Muskeln.

Erfreulicherweise finden wir zur Halbzeit oben am Berg eine tolle Hütte, die mit grandiosem Kaiserschmarrn und einem ganz wunderbarem Wirt aufwarten kann. Wir machen eine kleine Pause, aber nicht zu lange, weil wir natürlich noch vor dem vorhergesagten Regen zurück im Hotel sein wollen. Und tatsächlich ist das dann auch so. Wir kommen zurück ins Hotel und es beginnt zu schütten und es hört bis zum nächsten Vormittag auch nicht mehr auf. Die Chefin und ich nutzen die Zeit für eine Runde Lauf ABC auf unserer riesigen Terrasse, die teilweise überdacht ist.

Da mein Tricamp Rookie Projekt jetzt zu Ende geht und es zwar für alle Rookies das Angebot Rookie 2.0 und für alle neu und überhaupt noch nie Tricamp Rookies eine Neuauflage des Projektes gibt, habe ich mir in den letzten Wochen Gedanken gemacht, wie es mit mir und meinem Traum vom Ironman weiter gehen soll. Natürlich könnte ich mit dem Rookie 2.0 Projekt weitermachen, die Gruppe war wunderbar, eine herrliche Gemeinschaft und tolle Treffen und selbstverständlich sind alle bestehenden Rookies herzlich willkommen entsprechend aufzurücken. Aber ich möchte etwas mehr Individualität. Ich habe ja bereits etwas Erfahrung in der individuellen Betreuung durch einen Trainer und so frage ich also die Chefin, ob sie Zeit hätte, mir für die nächste Zeit Trainingspläne zu schreiben. Ich möchte es wirklich unbedingt versuchen mit dem Langdistanzziel. Es wird ein langer Weg, aber die Chefin scheut ihn nicht.

Am Wettkampftag macht der Zeugwart in der Früh im strömenden Regen bei 6°C einen Nüchternlauf, weil der Tonangeber dazu gestern im Athletenbriefing etwas gesagt hat, und dann frühstücken wir mit den aufgeregten und angespannten Tricampern. Die ersten treten bereits vor dem ersten Kaffee, vom Wettkampf zurück, weil es auf den Bergen ordentlich geschneit hat. Das Wetter ist wirklich nicht sehr triathlontauglich. Aber da steckt man einfach nicht drin. In den Bergen ist einfach alles möglich, genau nach dem Ironman Motto „Anything is possible“. Und bei dieser Wetterankündigung und dem, was wir draußen sehen können, ist es dann auch irgendwie nicht überraschend, dass das Radeln für diesen 70.3 Zell am See abgesagt wird und die Athleten nur einen Swim & Run absolvieren dürfen.

Jegliche Diskussionen darüber, ob radeln nicht doch möglich gewesen wäre, oder dass man sich hätte Alternativen überlegen können, finde ich blöd, weil es nun mal so ist, wie es eben ist, und man ja leicht alles besser wissen kann, wenn man nicht involviert ist. Es wird schon Gründe dafür geben, dass so eine Entscheidung genauso getroffen wurde, wie sie eben getroffen wurde. Ärgerlich ist es aber trotzdem und ich verstehe auch, dass die Athleten enttäuscht sind. Alle haben so lange dafür trainiert und gerade die Ersttäter hätten ihren ersten 70.3 natürlich sehr gerne vollständig ins Ziel gebracht, kaum einer freut sich darüber, dass das Radeln ausfällt. Aber Sicherheit geht vor, das sieht jeder ein. Und aus dem Hut kann man nun auch nichts mehr zaubern.

Da sich auch der Startzeitpunkt verschoben hat, spazieren wir etwas später als ursprünglich geplant zur Wechselzone. Ich trage gefühlt alle Klamotten, die ich überhaupt dabei habe. Es ist wirklich kalt. Ich bin froh, dass die Athleten kein Rad fahren müssen, wenn man vor Kälte den Lenker nicht mehr richtig festhalten kann, wird’s ja auch schnell gefährlich. Das Schwimmen im See dürfte dagegen regelrecht kuschlig sein, bei den Außentemperaturen. Der See hat immerhin 21°C. Wie immer bei solchen Wettkämpfen geht dann auf einmal alles ganz schnell und die Athleten reihen sich in die Startaufstellung ein. Hier in Zell gibt’s einen Rolling Start, das heißt, die Athleten gehen immer 6 Stück gleichzeitig alle paar Sekunden ins Wasser. Statt einer ordentliche Massenprügelei, wenn alle gemeinsam starten, ist es so etwas entzerrt.

Heute dauert dieser Rolling Start wirklich lange. Sieht allerdings toll aus, wie die Athleten sich vor den verschneiten Bergen nach und nach in den See werfen und wie an einer Perlenschnur entlang von Boje zu Boje schwimmen. Gestern, als wir im See schwimmen waren, war noch alles grün auf den Bergen. Der See war toll temperiert und die Sicht war großartig. Heute ist es bitterkalt. Also im See garantiert nicht, aber wir stehen hier alle dick eingepackt und irgendwie sind die 30°C Tagesdurchschnittstemperatur der vergangenen Wochen urplötzlich wie weg geblasen. Das kann ich mir wirklich gerade überhaupt nicht vorstellen.

Die ersten Profis rennen nach dem Schwimmen wie von der Tarantel gestochen in ihren Triathloneinteilern an uns vorbei, während noch hunderte von Alterklassenathleten auf ihren Start warten. Wir verfolgen unsere Tricamper auf dem Athletentracker und wissen deshalb recht genau, wer wann wo sein wird. Tatsächlich erkennen die Trainer auch einen ihrer Athleten am Schwimmstil, das ist doch eine Wucht.

Alle Zuschauer, inklusive uns, stehen dick eingepackt da und frieren. Die Gegensätze könnten größer nicht sein. Auch unsere Athleten kommen nach und nach aus dem Wasser und während wir in Richtung Stadt pilgern, kommen sie an uns vorbei gerannt. Obwohl ich ziemlich doll friere, versuche ich trotzdem den Auslöser zu betätigen, weil so Wettkampfbilder für die Athleten schon irgendwie cool sind und ich versuche natürlich auch alle üblichen Weisheiten rauszuhauen, weil jeder unserer Athleten wissen sollte, dass wir zeitig essen und dass ich bei den Temperaturen nicht ewig Zeit habe. Diese Tricamper sind, was das Umsetzen dieser Wünsche angeht, auch sehr erfolgreich und wir haben wirklich nicht lange auszuharren.

Einer nach dem anderen rennt wie bekloppt an uns vorbei, es gibt toll emotionale Zieleinläufe und fröhliche Gesichter, wenn sie uns dann am Streckenrand entdecken. Vielen Athleten sieht man die Temperaturen ähnlich an, wie den Zuschauern, die in ihrer Stimmungsmache heute auch eher verhalten agieren. Als wir auch den letzten Tricamper in Richtung Zielkanal geschrieen haben, fahren wir mit der Fähre wieder zurück ins Hotel. Wir sind total durchgefroren, hungrig und voller Emotionen. Jedes Mal, wenn ich an der Strecke stehe, ohne selbst auch nur in der Nähe dieser Leistungsfähigkeit zu sein, werde ich etwas wehmütig und bekomme zusätzlich Angst vor der eigenen Courage.

Unsere Athleten organisieren sich zum Rad und Wechselbeutel abholen und nach dem gemeinsamen Abendessen gibt’s noch eine Tricamp Siegerehrung inklusive Wanderpokalverleihung. Das Tier hat heute selbst den Sugardaddy abgehängt und wird die Heimreise mit dem Wanderpokal antreten, den es im nächsten Jahr, beim nächsten Triacamp Teamwettkampf dann wieder verteidigen kann. Ich werde ihn dann vielleicht schon jagen können, obwohl er sich sicher sein kann, dass meine Leistungsfähigkeit dann sicherlich noch nicht dazu reichen wird, dem Wanderpokal übernahmegefährlich zu werden. Aber wenn man gejagt wird, ist das ja auch schon was.

Clauditries

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Unter dem Alias Clauditries schreibe ich meinen Blog Claudi gives it a TRI seit Mai 2011 als Triathlon - Trainingstagebuch mit all den Geschichten, die abseits vom Zahlenwerk der absolvierten Kilometer und des Durchschnittspulses zu finden sind.

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Über Clauditries

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