Ampeln zählen nicht 2


Die Chefin hat einen klaren Plan im Kopf, einen auf die lange Sicht. Mein Plan für das Training geht nur bis heute. Dann melde ich meinen Erlebnisse, Taten und Werte zurück, und bekomme einen neuen Plan. Ich bin mir noch nicht sicher, wie so eine Rückmeldung am sinnvollsten erfolgen sollte, aber ehe ich ihr den Plan zurücksende, muß ich den Plan ja erst mal vollständig abarbeiten. Für heute steht Radeln und ein anschließender Kraftzirkel auf dem Programm. Ja, tatsächlich. Zwei Trainingseinheiten.

Nachdem der nachbarliche Hahn, der laut Besitzeraussage ruhiggestellt bis 8h hinter verschlossenen Türen auf seinen Einsatz wartet (was offenbar glatt gelogen ist) uns um 6:15h per frühmorgendlichen Krähens aufgeweckt hat, können wir erstens nicht weiter schlafen und zweitens macht es bei dem Lärm auch keinen Sinn weiter großartig in der Wohnung zu bleiben. Das Tier treibt mich in die Schlaflosigkeit und nervt einfach kolossal. Dabei kann es ja selbst am allerwenigsten dafür, das weiß ich auch.

Der Zeugwart und ich ziehen uns nach dem Frühstück also flott um und fahren, nach vorheriger Prüfung des Trainingsplans, los. Wenn es schon einen Plan gibt, dann kann man ja auch machen, was drauf steht. Immerhin denkt sich die Chefin für ihre #judithathleten ja nicht irgendeinen Kram aus, sondern genau den Kram, der passt. Hoffe ich zumindest. Der Trainingsplan besagt, dass ich 1,5 Stunden GA1 fahren soll. Im Gegensatz zum Lauftraining, bin ich vor und auf dem Rad tatsächlich meistens im GA1 Modus unterwegs. Mich hier in einen höheren Pulsbereich zu bekommen, ist wirklich nur Ortsschildsprints, Brückensprints und krassem Gegenwind vorbehalten. Ich schlüpfe also in meine Radklamotten und ziehe mir meine Überschuhe rüber.

Die Wechsel ich dann noch mal, weil sie irgendwie nicht so richtig Rennradpedaltauglich sind und hängen bleiben möchte ich nicht. Klar. Wir fahren dann recht locker eine unserer mehr oder weniger üblichen Runden. Allerdings andersrum, so dass es nicht ganz so eintönig ist. Auch heute haben wir wieder zahlreiche Randerlebnisse, die ich bemerkenswert finde. So überholt uns zum Beispiel ein Buderus Firmenfahrzeug in geringem Abstand, obwohl Gegenverkehr kommt und zieht dann viel zu zeitig rüber. Ist so ein Fahrer besoffen? Der Gegenverkehr war schon viel zu nahe, als er zum überholen angesetzt hat, was stimmt mit dem Fahrer nicht? Ein LKW Fahrer, der für uns praktisch die Strasse sperrt und uns abbiegen lässt, hält die Freundschaftskrone zwischen motorisiertem Verkehr und den Radlern dann wieder hoch. Wir bedanken uns überschwänglich, weil das eine wirklich tolle Aktion war.

Heute wenden die Autofahrer auch einfach mal auf der Strasse, weil eben Sonntag Vormittag ist und man eben noch nicht ganz genau weiß, wo man denn eigentlich hinmöchte. Manche überholen in einem so weiten Abstand, dass ich wirklich hoffe, dass sie es vor der nächsten Verkehrsinsel wieder rüber auf ihre eigentliche Spur schaffen und viele Fußgänger, wahrscheinlich auf dem Weg zum Brötchen holen, sind so aufmerksam und zuvorkommend, dass es mir fast unwirklich vorkommt. Jedes Mal, wenn ich auf den Tacho schaue, bin ich überrascht, wie weit wir gefahren sind und wie wenig Zeit vergangen ist. Nicht, dass schon irgendein Trainingseffekt eingesetzt hätte, aber ich bin doch beeindruckt. Wir sind flott unterwegs für GA1. Auf einem langen gerade Stück, bei dem es einen Randstreifen gibt, der uns praktisch eine eigene Fahrspur ermöglicht, geht der Zeugwart in Aeroposition und zieht etwas an. Nach ein paar Kilometern schaut er sich nach mir um, aber ich bin natürlich noch genau hier.

Dass er etwas flotter fahren muß, um mich abzuschütteln, rufe ich ihm nach vorne und bleibe einfach weiter hinter ihm. Ich glaube, das hat er nicht erwartet. Egal. GA1, ist ja GA1, egal welche Geschwindigkeit. Vielleicht geht’s hier auch etwas Berg ab? Weiß ich jetzt nicht. Wir fahren die Runde und sind dann tatsächlich nach 1:29 Stunde wieder daheim. Natürlich war die reine Fahrzeit etwas kürzer, weil der erbsenzählende Athlet natürlich alle Ampeln ausrechnen würde. Für mich passt das aber so. Ich freue mich jetzt so richtig auf die Couch.

Als ich mein Rad verstaut und meine Radschuhe aus habe, bin ich auch schon fast auf dem Weg zur Couch, da fällt es mir wieder ein. Was ein Mist. Die Chefin hat ja noch einen Kraftzirkel auf den Plan geschrieben. Was soll das denn? Jetzt muß ich also 3×10 Minuten lang immer Be- und Entlastend abwechselnd Kraftübungen machen. Und dazwischen 5 Minuten Pause. Unglaublich. Aber ich organisiere mir ja keinen Profi zur Trainingssteuerung, um dann alles besser zu wissen und es doch anders zu machen. Ich mache also die ersten 10 Minuten abwechselnd Crunches und Kniebeugen, auf den zweiten 10 Minuten mache ich eine total fiese und extrem bescheuerte Übung für den Rumpf und eine für den Rücken und dann kümmere ich mich auf den letzten 10 Minuten, die mittlerweile zur Quälerei werden und bei denen nun der Chefin wirklich die Ohren klingeln dürften, um meine Wadenmuskulatur.

Und als ich dann wieder geduscht und ansprechbar auf der Couch sitze, sagt der Zeugwart, der die komplette Kraftzirkelzeit auf der Couch rumgesessen hat, dass ich wegen der paar Minuten Krafttraining jetzt nicht so fertig sein muß. Nach 45 Minuten hätte sich das nicht angefühlt. Ist klar. Auf der Couch hat sich das natürlich nicht so angefühlt! Aber da unten auf der Matte, da waren es 45. Und zwar lange 45 Minuten! Sehr lange.

Clauditries

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Unter dem Alias Clauditries schreibe ich meinen Blog Claudi gives it a TRI seit Mai 2011 als Triathlon - Trainingstagebuch mit all den Geschichten, die abseits vom Zahlenwerk der absolvierten Kilometer und des Durchschnittspulses zu finden sind.

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2 Gedanken zu “Ampeln zählen nicht

  • Andy

    Hallo Claudia,

    wir hatte auf dem Rückweg vom Urlaub kurz vor Davos ein ähnlich besorgniserregendes Erlebnis als uns plötzlich ein Silozug komplett auf unserer Seite entgegen gekommen ist und ich keine Chance hatte zu reagieren. Zum Glück war zwischen der eigentlichen Straße und der Leitplanke noch etwas Platz sonst wäre das böse ausgegangen.Da frage ich mich dann auch – als wir den Schock verdaut hatten – ob solche Leute wirklich 40 Tonnen durch die Berge fahren müssen.
    Und im Urlaub war ich dann doch überrascht wie rücksichtsvoll in Italien gefahren wird und Radfahrer offensichlich kein Hindernis für die Autofahrer darstellen.

    Ich les immer wieder bei Dir mit und wünsche Dir auf jeden Fall weiterhin so gute Fortschritte.

    Viele Grüße

    Andy

    • Clauditries Autor des Beitrags

      Unfassbar Andy, Du hast vollkommen recht, dass Du Dich das fragst. Das denke ich mir als Autofahrer bei solchen Aktionen aber auch oft, denn wenn Dir jemand auf Deiner Spur entgegen kommt, ist das als Autofahrer ja auch eine heftige Situation. Schön allerdings, dass nichts passiert ist, das freut mich sehr!
      Danke, dass Du immer mal wieder vorbei schaust. Ich hoffe, ich kann tatsächlich bald von Fortschritten berichten! :-)
      Liebe Grüße

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