Brauereienlauf 2018


Lange haben die Chefin und der Tonangeber, zusammen mit zahlreichen Tricampern darauf hingearbeitet und dann zack, ist es plötzlich und auf einmal so weit und keiner weiß eigentlich, wo die Zeit geblieben ist. Der Brauereienlauf ist irgendwie, wie Weihnachten, weil es da auch immer so ist, dass man eine gefühlte Ewigkeit Vorbereitungen trifft und dann geht plötzlich alles ganz schnell. Der Zeugwart und ich fahren dieses Wochenende also nach Franken, weil praktisch alle Tricamper zum helfen oder laufen vor Ort sind und wir uns das Spektakel selbstverständlich nicht entgehen lassen. Und das, obwohl wir kein Bier trinken.

Was für Franken schon mal total ungewöhnlich ist und für einen Brauereienlauf natürlich auch komplett deplatziert. Aber vielleicht sind ein paar nüchterne Betrachter auch gar nicht so schlecht? Der Freitag beginnt, trotz Start der hessischen Herbstferien, auf unserer Autobahnstrecke praktisch staufrei und so sind wir nach einer recht kurzweiligen Fahrt gleich vor Ort, checken extrem unkompliziert in den Landgasthof ein, der uns für das Wochenende beherbergen wird, und fahren dann zur Tanzwiesen nach Litzendorf. Eine Tanzwiesen hat man bei uns nicht, wir nennen das Festplatz, aber so sind die Franken eben. Herrlich, man fährt zwei Stunden und ist tatsächlich ganz woanders.

Statt einer Pasta- oder Nudelparty wird am Freitag Abend, also am Vorabend des Laufes, Kloß mit Soß serviert. Für jeden Läufer ist der fränkische Kartoffelkloß mit entweder Braten- oder Béchamelsoße in der Startgebühr mit drin. Ich lerne ein weiteres fränkisches Gericht kennen und würde mich in Zukunft immer für die Bratensoße entscheiden. Unfassbar, wie sich mein Horizont erweitert, seit dem ich mehr mit den Tricampern zu tun habe. In Franken ist es Freitag Abend bitterkalt und auch so ein Festzelt bringt mir temperaturmäßig nicht wirklich viel. So lauschen wir also noch alle gemeinsam der Wettkampfbesprechung und dann fahren der Zeugwart und ich wieder in den Landgasthof. Morgen früh, also am Tag des Laufes, gibt’s erst ab 7:30h Frühstück, frühestens. Das werden wir also nicht schaffen, denn unser Arbeitseinsatz beim Brauereienlauf beginnt um 7h mit der Helferbesprechung.

Wie es auf dem Dorf üblich ist, wecken mit pünktlich um 6h die Kirchenglocken. Eigentlich ein Witz, dass ich dann erst um 7:30h frühstücken kann… immerhin ist doch jetzt garantiert jeder wach, oder etwa nicht? Ich öffne das Fenster und blicke auf den Kirchplatz. Ein alter Mann schleicht mit einem Korb über den Platz. Die Glocken übertönen sowieso jedes Geräusch, aber er schleicht trotzdem und wagt dann auch kaum seinen Schlüsselbund hervorzuziehen. Ich lache und werde sofort mit einem entsprechenden Blick gestraft. Anscheinend sind die Kirchenglocken nur für meine Ohren laut?

Überpünktlich sind wir in Litzendorf und fangen auch gleich an zu helfen. Irgendwas gibt es ja schließlich immer zu tun. Ich zum Beispiel bin offenbar ein hervorragender Kaffeelieferant und werde deshalb abkommandiert die Lieferung zwischen Festzelt und Startnummernausgabe vorzunehmen. Entweder ich tauge nicht um etwas anspruchsvolleres zu tun, oder meine Hotellerieerfahrung wird knallhart ausgenutzt. Kaffee ist schließlich nur halb so gut, wenn er verschüttet oder eiskalt zum Genießer kommt und so marschiere ich beherzt raus aus dem Festzelt und den kurzen Weg hinüber zur Touristeninformation der Fränkischen Toskana in der sich die Startnummernausgabe mit all ihren Helferinnen ihr Plätzchen gesucht hat. Alle strahlen mich an. Ich habe Fans.

Wenn ein Tag so beginnt, ist ja eigentlich schon alles gerettet. Während immer noch zahlreiche Läufer Startnummern abholen oder sich nachmelden, bekomme ich meine nächste Aufgabe. An der ersten Brauerei beim Marathon, die den Läufern schon bei Km 2 die erste Bierverkostung anbieten wird, ist ein Helfer krank geworden. Ich bin ja mit dem Fahrrad bewaffnet und für praktisch alle Schandtaten bereit, also fahre ich hin. Die Brauerei Knoblach liegt inmitten von Schammelsdorf, und tatsächlich dachte ich ja, ich brauche genauere Instruktionen, wie ich die Brauerei finde. Brauche ich aber nicht. „Fahr einfach nach Schammelsdorf, dann siehst Du es schon“, sagt der Tonangeber und so ist es auch. Dass ich allerdings bis dorthin krass hügelig unterwegs sein werde, das sagt er nicht.

Wir bauen die erste Verpflegungsstelle auf, schneiden Obst, zapfen routiniert Bier und schenken Wasser ein, als dann tatsächlich der Führungsradler in einem Affenzahn um die Ecke kommt und seine zwei Läufer, die er im Schlepptau hat, durch den Biergarten leitet. Äh. Das hier ist ein Genußmarathon. Was haben denn die zwei Herren daran nicht verstanden? Also so muß man ja hier auch nicht durchrennen, die haben ja noch nicht mal nach dem Bier geschaut! Erfreulicherweise folgen ihnen gute 200 Läufer, die den Begriff Brauereienlauf und Genußmarathon richtig verstanden haben und überragend gut interpretieren.

Es ist ein wahres Fest, die gutgelaunten Läufer und die zahlreichen Zuschauer, die lachende Sonne und mittendrin ich, die die Einheimischen kaum versteht und immer, wenn ich angesprochen werde nett lächle. Immerhin hat mir Lovis schon einen guten Batzen fränkisch beigebracht, seit dem wir uns beim Tricamp Rookie Projekt kennengelernt haben, und so kann ich manchmal sogar passend antworten. Das wird noch was. Als nach 18 Minuten die letzten zwei Läufer eine ausgiebige Verpflegungspause bei uns einlegen und das Besenfahrzeug ebenfalls durch ist, bauen wir den Stand ab. Meine Mitstreiter fahren weiter, um den nächsten Stand zu übernehmen, während ich zurück zum Festzelt fahre.

Hier hole ich mir von Lovis und dem Tonangeber weitere Instruktionen, wo ich denn nun sinnvollerweise noch ein paar Läufer vor die Kamera bekomme. So eine Fotogalerie zum ersten Brauereienlauf will ja schließlich auch ordentlich gefüllt sein. Ich werde zum Büttel geschickt, nach Geisfeld. Natürlich habe ich von heute früh gelernt und frage nicht nach, wo ich den Büttel in Geisfeld denn finde. Ich bin sicher, dass praktisch jeder, den ich anspreche den Büttel kennen wird. Auf dem Weg von Litzendorf nach Gersfeld geht’s gefühlt ständig nur hoch. Ich habe zwischenzeitlich sogar den Eindruck, dass meine Schaltung kaputt ist, weil ich nicht mehr leichter schalten kann. Beim anhalten, um die 10km Läufer, die mir hier entgegen kommen, abzulichten, prüfe ich dann tatsächlich noch mal die Schaltung an meinem Crosser und stelle fest, dass sie hervorragend funktioniert.

Ich bin also schlichtweg untrainiert. Wie beruhigend, dass das Fahrrad nichts hat. Die 10km Läufer rasen, wie verrückt. Es geht hier ständig hoch und runter und die wetzen an mir vorbei, als gäbe es kein Morgen. Wie gejagt. Ich entdecke Karla Kolumna schon von weitem und rufe ihr, schon fast traditionell die Frage nach dem Namen der Mutter von Nikki Lauda zu. Die Dame, die gerade an mir vorbeirennt, erschrickt, entschuldigt sich und teilt mit, dass sie mir die Antwort dazu leider nicht geben kann. Ich erwähne, dass die „Mama Lauda“ heißt und lache mich schlapp. Herrlich. Das ist mir tatsächlich noch nie passiert. Wunderbar, dass Karla Kolumna fern ab vom Ende des Feldes ebenfalls wie von der Tarantel gestochen durch die Fränkische Toskana rennt. Einfach großartig, und sie hat dafür noch nicht mal richtig trainiert. Eine Triathletin hat eben einfach eine gewisse Grundfitness.

Bei mir ist die offenbar verloren gegangen… wenn ich da so an meine Schaltungsfrage denke. Nun ja. Ich habe noch weitere Aufgaben heute und so fahre ich weiter, in Richtung Büttel und erwische Kimberly, den pinken Ranger, wie sie vorne um die Ecke rennt und mit großen weiten Schritten den Landgasthof erobert. Also mein Timing ist heute wirklich ziemlich großartig, da muß ich mich doch mal selbst loben. Beim Marathon laufen mir der Abenteurer und der Sugardaddy vor die Linse, beim 10er erwischen ich Karla Kolumna und jetzt Kimberly. Und so geht’s dann auch weiter, denn auch das Tier und Walter Mitty laufen mir wenig später direkt in den Fokus. Klasse. Abseits von zahlreichen Bildern der Läufer, erwische ich so auch praktisch all meine Freunde, ehe ich den gleichen Weg zurück einschlage.

Jetzt denke ich nicht mehr, dass meine Schaltung kaputt ist, ich realisiere vielmehr, dass ich wirklich denkbar untrainiert bin. Aber ich habe auch das Gefühl, dass ich krank werde, ich niese verdächtig oft. Na super, das kann ich ja gar nicht gebrauchen. Ändern kann ich es aber im Moment nicht. Zurück am Festzelt trudeln die Läufer nun so nach und nach ein. Alle bekommen eine ordentliche, fränkische Zielverpflegung und können sich in beeindruckenden Sagan-Weltmeister-Duschtrucks erfrischen. Am späten Nachmittag, als wirklich alle im Ziel sind, gibt’s die Siegerehrung und im Anschluß wird das Festzelt mit Liveband mehr als ordentlich in Feierstimmung versetzt. Tatsächlich bin ich schwer beeindruckt, wie stabil die klappbaren Bierbänke und Biertische sind, es wird gesprungen und getanzt, als wäre heute keiner bisher sportlich gewesen.

Die Franken können also nicht nur Bier und schöne Landschaft, sie können auch großartige Gastfreundschaft und feiern, bis spät in die Nacht.

Übrigens:

Alle Bilder in meiner Galerie dürft Ihr Euch gerne schnappen. Wenn Ihr sie veröffentlicht, nennt bitte meinen Namen und verlinkt auch gerne zum Blog. 

Clauditries

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Unter dem Alias Clauditries schreibe ich meinen Blog Claudi gives it a TRI seit Mai 2011 als Triathlon - Trainingstagebuch mit all den Geschichten, die abseits vom Zahlenwerk der absolvierten Kilometer und des Durchschnittspulses zu finden sind.

Meine Kontaktdaten findet Ihr im Impressum!
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Über Clauditries

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