Die Anonymität des Morgens


Da ich derzeit noch in der morgendlichen Ausprobierphase bin, was die Anreise zum Schwimmtraining angeht, bin ich heute viel zu früh. Verrückt, aber über die leere Autobahn dauert es gute 15 Minuten weniger, als durch die Stadt. Ampeln sind eben ein Fluch und ein Segen gleichermaßen. Ich parke auf einem ziemlich vollen Parkplatz und bin erst überrascht, dass so viele Athleten schon so früh da sind. Als ich dann aber im Schwimmbad vorspreche und mitgeteilt bekomme, dass ich nicht rein kann, weil noch keiner da ist, ist mir klar, dass der Parkplatz wohl nicht nur von Athleten benutzt wird. Unglaublich, wie viele Menschen um diese Uhrzeit tatsächlich schon aktiv sind. Und das wahrscheinlich, weil ihnen die Arbeit keine andere Chance lässt. Ist ja irgendwie schon wild mit der Arbeit. Bei mir ist es aber auch vor allem der Arbeitsweg. Wenn ich den kürzen würde, wäre das eine massive Zeitersparnis. Und so geht’s wahrscheinlich nicht nur mir.

Das Rhein-Main-Gebiet ist voller Pendler. Ständig wohnt einer da, wo jemand anderes arbeitet und umgekehrt, so dass die Straßen immer voll sind und die Zeit im Auto um von A nach B zu gelangen für die Freizeitgestaltung fehlt. Da könnte man ja glatt philosophisch werden. Werde ich aber nicht. Ich bin froh, als noch weitere drei Schwimmer auftauchen und wir alle gemeinsam ins Bad marschieren. Hier wird nicht so viel gequatscht, oder ich bin nicht integriert, weil ich neu bin? Aber die drei Herren schweigen sich auch einfach an. Von unserem Miniverein kenne ich das anders, aber das kann auch die Anonymität des Morgens sein. Ich ziehe mich um und die anderen Damen, die nach und nach dazustoßen sind heute auch deutlich verhaltener als die Gruppe vom Donnerstag.

Hier wird konzentriert abgearbeitet. Wer abends kommt hat Zeit fürs quatschen und austauschen, der Abendschwimmer sucht den sozialen Kontakt. Wer morgens um 7h ins Wasser geht, schwimmt einfach. Vom Prinzip her also eigentlich genau das, was ich gesucht habe. Einfach schwimmen, nicht viel drumrum. Der Adler ist noch nicht gelandet, hat aber erste Anweisungen zum Training bereits verbreitet und so reihe ich mich auf einer Bahn ein und absolviere, was der Adler angesagt hat. 400m einschwimmen, davon nicht mehr als 200m Kraul. Aha. 400m einschwimmen? Das sind ja eigentlich 100m einschwimmen plus schon mal 300m schwimmen, oder? 400m sind ja manchmal schon Wettkampfdistanz! Obwohl das natürlich auch für 50m gilt. Kommt halt immer auf den Wettkampf drauf an.

Ich sehe, wie der Adler landet und bin auch rechtzeitig da um die nächsten Aufgaben zu hören. Wir schwimmen heute kraftlastig. Eigentlich geht das bei mir ja nicht, weil wer kraftlastig schwimmt, der muß ja Kraft haben und da bin ich nicht so wirklich vorne dabei. Aber gut. Ich habe es mir selbst ausgesucht und die Bahn neben mir legt gleich mal los. Da reihe ich mich mit ein und habe den Ehrgeiz immer in deren Nähe zu bleiben. Das klappt tatsächlich mal mehr und mal weniger gut, aber eine Nähe ist wirklich stets gegeben. Erfreulicherweise hören die auch ein bischen besser zu als ich, oder haben die Übungsabfolgen vielleicht auch schon mal gemacht, so dass sie wissen, wo Pausen gemacht werden, und wo nicht. Manchmal frage ich den Adler noch mal präziser, was genau gemacht werden soll, aber weitesgehend reichen mir die Ansagen an alle und das Abschauen auf der Nachbarbahn. Da sind aber auch ein paar Fische am Start, meine Güte.

Vom Meerjungfrauenbeinschlag mit Flossen über das Einsetzen der Paddles und die Fixierung des Pull Buoys machen wir heute wirklich alles. Wahrscheinlich, damit ich das Gefühl habe, ich trage die ganzen Utensilien und Hilfsmittel nicht grundlos mit mir rum? Ich benutze heute wirklich alles, das Netz wird einmal von innen nach außen gekehrt und mir ist auch keine Sekunde langweilig. Die Pausen, die gemacht werden, weil der Adler sie ansagt, vergehen wir im Flug. Und nicht, weil wir uns unterhalten oder Nettigkeiten austauschen, sondern, weil der Sekundenzeiger an der Beckenseite rast, wie bekloppt. Ich kann mir heute wirklich nicht vorstellen, dass der auch nur ansatzweise geeicht ist?! Merkt das hier noch jemand, außer mir? Alle anderen wirken recht entspannt was den Sekundenzeiger angeht. Da die Anonymität des Morgens aber weiterhin anhält, habe ich auch keinen, mit dem ich das jetzt mal schnell besprechen könnte. Jeder von uns schwimmt hier vollkommen autark. Wie Triathleten eben so sind. Das ist ein Einzelsport.

Nachdem ich die letzte Ansage, vier Dreihunderter Serien, noch absolviert habe, stelle ich mit einem Blick auf die Uhr fest, dass es wirklich bald Zeit ist aufzubrechen. Ich frage den Adler deshalb, ob ich hier abbrechen und ausschwimmen kann. Seine Antwort vergesse ich den ganzen restlichen Tag nicht, da bin ich sicher. Er sagt furztrocken, dass wir ja heute nicht ganz so viel gemacht haben und es deshalb reicht, wenn ich locker bis zur Hälfte schwimme und etwas ausschüttel. Der Adler eben. Legendär. Da sieht man mal, mit was für Kalibern er ansonsten zu tun hat und wo ich in dieser Nahrungskette angesiedelt bin. In weiser Voraussicht habe ich keinen Pulsgurt angelegt heute früh, denn hätte ich das getan, hätte der bestimmt einen Überlebensalarm abgesetzt. Beim bischen ausschütteln fallen mir vor Erschöpfung heute fast die Arme ab. Unnötig zu erwähnen, dass mein Duschgel heute auch deutlich schwerer ist, als noch letzte Woche, obwohl ich es nicht aufgefüllt habe. Heute kann ich der Chefin erneut eine beachtliche Anzahl von Trainingsmetern in meine Rückmeldung schreiben.

Und wie ich mich so anziehe und dann durstig die Wasserflasche ansetze, freue ich mich schon wieder auf Donnerstag und bin gespannt, was der Adler sich da für Spezialitäten ausgedacht hat.

Clauditries

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Unter dem Alias Clauditries schreibe ich meinen Blog Claudi gives it a TRI seit Mai 2011 als Triathlon - Trainingstagebuch mit all den Geschichten, die abseits vom Zahlenwerk der absolvierten Kilometer und des Durchschnittspulses zu finden sind.

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Über Clauditries

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