Am Kalvarienberg in Greding


Der Zeugwart und ich sind seit Freitag in Bayern. Um genau zu sein sind wir in Franken, darauf legen die Franken gesteigerten Wert und höchstwahrscheinlich die Bayern auch. Aber wenn es stimmt, kann man es ja auch so aufschreiben. Wir sind auf jeden Fall Freitag angereist um mit Lovis, dem Räuberhauptmann und zahlreichen anderen Tricampern gemeinsam ein Triathlon Wochenende zu verbringen. Die Athleten und Zuschauerwaage ist wirklich sehr schön ausgeglichen hier im eigentlich beschaulichen Roth. So besuchen wir gestern ausgiebig die Messe, stöbern, fachsimpeln und stauben einmal vollständig ein. Wir warten, während die Wettkampfbesprechungen besucht werden, machen Schnäppchen und fallen nach einem leckeren Abendessen mit Lovis und dem Räuberhaupt und dem anschließenden packen der letzten Wettkampfsachen, sowie einer Zeitabstimmung, ziemlich müde ins Bett.

Heute früh klingelt der Wecker um viertel vor fünf. Am Sonntag. Was stimmt bloß nicht mit uns? Alles stimmt nicht, so könnte man es ausdrücken. Oder alles stimmt. Wir marschieren rüber, zum Hotelzimmer von Lovis und ich mache eine Wettkampffrisur, die unter dem Helm -hoffentlich- ähnlich Ausdauer beweisen wird, wie Lovis selbst. Sie übernimmt heute bei einer Langdistanzstaffel bei der Challenge Roth den Radpart. 180km. Das klingt absolut verrückt. Nachdem wir sie nochmals verabschiedet und versprochen haben, dass wir bei Km 40 und bei Km 120 auf sie warten werden, komme, was wolle, geht es für sie in Richtung Wechselzone und für uns zurück ins Bett. Allerdings ist die Frage, wie gut man schlafen kann, wenn das große Abenteuer für gute Freunde los geht? Zusätzlich beginnt draußen vor unserem Hotel, das direkt am Kalvarienberg in Greding liegt, auch die Rumwurschtelei. Wir öffnen also doch viel zeitiger als gedacht die Augen.

Das Bayrische Fernsehen überträgt die Challenge Roth, das größte Sportereignis der Region, live. Dabei fällt mir auf, dass es zwischen Der Challenge Roth und Die Challenge Roth offenbar eine Uneinigkeit gibt. Zumindest in meinem Gehör. Während im Fernsehen viele von Dem Challenge sprechen, sage ich die Herausforderung, deshalb auch die Challenge und der Challenge Triathlon, aber wieder die Challenge Veranstaltung. Der, die, das… wahrscheinlich zählt das als Eigenname und deshalb ist der Challenge nicht richtig? Weiß ich aber nicht. Kann ich jetzt aber vor dem Frühstück auch nicht mehr lösen. Unser Hotel liegt top für die Radstrecke, hat aber für die Athleten keinerlei Mehrwert. Denn das besondere frühe Frühstück startet um 7h. Das habe ich beim Einchecken als Witz aufgefasst, aber es entpuppt sich als bittere Wahrheit.

Der ganze Landkreis steht Kopf. Alle ziehen mit. Jede Schule, jeder Kindergarten, jeder Verein, Anwohner an der Radstrecke… einfach alle engagieren sich, nur ein einziges Hotel bietet kein frühes Athletenfrühstück an. Ausnahmen gibt es eben überall. Total verrückt. Unsere Athleten frühstücken also im Auto, mit selbst mitgebrachten Sachen und wir dann eben das frühe, aber eben doch zu späte, Hotelfrühstück. Dann marschieren wir sofort an die Strecke, denn laut Durchfahrtsplan rechnen wir gegen 8:04h mit dem Führenden. Bis eben hat es noch ordentlich geregnet und so ist die Strasse tropfnass und vom Staub der letzten Tage total schmierig.

Als die führenden Herren dann wenig später bei uns vorbei preschen, ist ihnen der Straßenzustand mehr als egal. Man kann förmlich sehen, wie wenig sie sich um Feuchtigkeit auf der Straße scheren, aber das Stimmungsnest Greding macht ihnen Spaß, das merkt man. Hier ist aber auch die Hölle los. In einer Kurve steht eine Moderationsbühne inklusive zahlreicher PC’s und Laptops. Zwei Moderatoren sorgen, unterstützt von mindestens 4 Helfern, die an den Monitoren hängen, für Stimmung, rufen Namen auf, erzählen uns Geschichten zu den Teilnehmern und motivieren Athleten und Anfeuerer mit mitreißender Musik. Die Stimmung ist top.

Wir sind ziemlich gestresst, denn von Tricamp sind einige Athleten hier dabei und natürlich wollen wir sie auf keinen Fall verpassen. Wir sind also hochkonzentriert und trotzdem verpassen wir auf der ersten Runde gleich zwei, die wir einfach zu spät sehen. Das sind diese unauffälligen schwarzen oder dunkelblauen Anzüge. Die sehen ja wirklich total schick aus, aber für Anfeuerer sind sie eine wahre Zumutung. Und dann auch noch ein Weißer oder Schwarzer Helm dazu. Klar. Als würde das als Alleinstellungsmerkmal gelten… tut es nicht! Ein weißer Helm mag zwar zu allem passen, aber der reißt ein dunkles Outfit nun wirklich nicht raus, denn jeder zweite Athlete hat sowas an. Was für eine Pleite… wir versprechen, dass wir in der zweiten Runde, das ist dann hier Km 120, besser aufpassen und den Athleten zu erst entdecken.

Alle unsere Athleten leisten heute großartiges. Der Zeugwart und ich kommen kaum zur Ruhe. Wir haben die Worte der Chefin im Ohr, dass auch Anfeuerer sich ordentlich verpflegen müssen, aber wir essen und trinken in Etappen, damit wir bloß keinen verpassen. Es gibt nichts schlimmeres für Athleten, wenn sie mit Dir an einem bestimmten Punkt rechnen, und dann bist Du weg. Gut also, dass wir zu zweit sind und so sicherstellen können, dass immer einer zum anfeuern da ist. Erfreulicherweise haben wir aber ein prima Timing und können so alle unsere Athleten gemeinsam anfeuern. Das ist unheimlich toll um auch ein paar schöne Fotos zu schießen. Meistens klappt nämlich nur eines richtig gut… Fotos oder anfeuern. Ich verwackel sonst, was ja total dämlich ist. Dann kann man es auch gleich lassen.

Unsere Athleten sehen super aus. Während jeder einzelne alles gibt, sitzen wir hier hauptsächlich rum oder stehen. Ab und an lege ich mal eine wippende Tanzbewegung mit ein, weil die Musik gut dazu passt, aber das ist dann auch schon alles. Wenn wir sitzen, während einer der Unseren um die Ecke kommt, dann bin ich allerdings blitzschnell aufgestanden und auch die Lautstärke kann ich dann ganz schnell unglaublich anheben. Wir haben bei unseren Athleten nach der ersten Radrunde eine Reihenfolge, die sie auch, zumindest fast, auf der zweiten Radrunde einhalten. Nur einer fehlt. Der Tonangeber. Der hätte jetzt kommen müssen. Die Erklärung für sein Nichterscheinen lesen wir in unserer Supportergruppe und sind beruhigt. Zwar wäre es schöner, wenn wir ihn hätten anfeuern können, aber sicherlich hat er sich die Entscheidung nicht leicht gemacht.

Mittlerweile ist es am Kalvarienberg in Greding einsam geworden. Die einzigen, die hier noch ausharren, sind ein einzelner Herr, die Moderatoren, ein paar Helfer, die das Stimmungsnest inkl. Verpflegung abbauen und wir. Ab und zu kommt noch mal ein Fahrradfahrer vorbei. Vereinzelt auch mal ein Einzelstarter, aber hauptsächlich Staffelradler. Viele quälen sich den Berg hinauf. Tatsächlich ist es so, dass der Anstieg in der ersten Runde, wo es hier von Zuschauern nur so gewimmelt hat, sicherlich deutlich weniger steil erschienen ist. Mit nur 40km in den Beinen lässt es sich eben auch noch leichter treten, als mit auf 120km gebrauchten Muskeln. Wir harren aus. Lovis kommt noch. Wir haben ihr versprochen, dass wir hier so lange warten, bis sie kommt. Also bleiben wir.

Ich frage den Moderator, ob er Informationen dazu hat, ob Lovis ausgestiegen ist, aber die hat er nicht. Unsere Lovis würde auch nicht aufgeben, aber weil sie überfällig ist, bin ich einfach in Sorge. Dann bitte ich ihn einen Schlachtruf zu nutzen, wenn sie dann kommt. In einem Motivationsvideo, das wir für Lovis, mit Hilfe der Pushing Limits Jungs, zusammengeschnitten haben, kam der nämlich auf und der wird ihr sicherlich ein Lächeln aufs Gesicht zaubern. Der Abenteurer hat ihn sich einfallen lassen und ist sicherlich nicht beledigt, wenn der Moderator ihn kurz klaut. Irgendwie ist das ja fast eine Ehre. Als Lovis um die Ecke biegt ist sie alleine auf weiter Flur. Der letzte Radler vor ihr ist gefühlt schon ein paar Minuten durch und mittlerweile sind auch nur noch der Moderator und wir hier. Wir springen auf und machen Lärm, als gäbe es kein Morgen.

Sie wird diesen Berg schaffen. Sie wird in dieses Ziel fahren. Sie hat so viel trainiert, jedes Wetter mitgenommen, jeder zeitlichen Einschränkung getrotzt und alle Widrigkeiten überwunden, das wird genau im Ziel enden. Keinen Meter vorher. Soviel ist sicher und erfreulicherweise versteht sie mich auch, weil ich es ihr zurufe, als sie mit dem Anstieg kämpft. Dann laufe ich ein Stück neben ihr her. Das ist hier und jetzt möglich und auch total egal, denn hinter uns ist kein Radfahrer derzeit und so behindert meine Mitlauferei auch keinen. Lovis erzählt, dass sie kämpfen muß und dass es ihr nicht gut geht. Aber sie sieht top aus. Ich sage, dass sie ins Ziel fahren soll, wenn es nur igendwie geht. Egal wie schnell, oder wie langsam. Aber solange sie fahren kann, soll sie besser fahren, als sich einsammeln zu lassen. Denn aufgeben kann für’s Gemüt sehr schwierig sein. Schwieriger, als wenn man sich durchquält. Zumindest zeigt das meine Erfahrung.

Lovis ist vorbei und als ich wieder zurück beim Zeugwart bin, bringe ich ihn auf den aktuellen Stand. Wir sind fix und fertig. Jetzt, da der letzte Tricamp Athlet durchgefahren ist, merken wir die Erschöpfung und wir merken, dass wir uns hätten noch besser verpflegen müssen. Obwohl wir doch schon die Tipps von der Chefin umgesetzt haben. Vollkommen erschöpft sitzen wir im Auto. Ich ziehe meine Bandage aus, wir trinken etwas und dann beschließe wir einstimmig, dass wir nun nach Hause fahren. Jetzt noch in Roth einen Parkplatz suchen und eventuell lange in die Stadt laufen oder womöglich mit dem Rad zum Ziel fahren, ist keine Option. Wir sind einfach zu geschafft. Die Challenge Roth hat uns jegliche Energie geraubt. Die Anfeuerung unserer Athleten hat total viel Spaß gemacht, aber wir sind auch froh, dass nun alle durch sind. Für jeden dazusein, ist einfach anstrengend.

Aber es lohnt sich. Alle Tricamper die wir auf der zweiten Runde den Kalvarienberg hochgebrüllt haben, kommen ins Ziel. Was ein Fest und jede Mühe wert.

Clauditries

Unter dem Alias Clauditries schreibe ich meinen Blog Claudi gives it a TRI seit Mai 2011 als Triathlon - Trainingstagebuch mit all den Geschichten, die abseits vom Zahlenwerk der absolvierten Kilometer und des Durchschnittspulses zu finden sind.

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Über Clauditries

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