Höhenmeter, Gegenwind und mein Fahrrad


Ich hatte eine sehr sportarme Woche und dabei hat die Chefin mir überhaupt gar keine Ruhewoche aufgeschrieben. Aber manchmal spielt das Leben ein bisschen anders, als es die Chefin auf den Plan schreibt und so muß ich einfach anderen Dingen den Vorgang geben. Zu viel Stress will ich mir selbst auch sporttechnisch nicht auferlegen, im Alter wird man klug. Zumindest diesbezüglich. Und der Sport soll ja vor allem Gut tun.

Heute steht eine Radausfahrt auf dem Plan und weil der Zeugwart gute 30km entfernt sowieso etwas zu erledigen hat, bietet sich das ja geradezu an, dass wir da mit den Rädern hinfahren. Nach Montag bin ich nicht mehr geradelt und so bin ich überrascht, dass heute das leicht mulmige Gefühl ausbleibt. Das gute Erlebnis vom Montag hat mir anscheinend Sicherheit gegeben. So hatte es Eva, von Rückenwind auch vorausgesagt, aber dass das so flott passiert, hätte ich trotzdem nicht gedacht.

Ich bin also ziemlich ruhig und ziehe mich mit einem ganz entspannten Puls, vollkommen stressfrei an. Dann pumpe ich die Räder auf und wir sprechen kurz ab, wo es denn langgehen soll. Meine Orientierung ist nicht die Beste, aber da wir mittlerweile schon oft kreuz und quer von uns daheim losgefahren sind, sagt mir die Streckenführung zumindest weitergehend etwas. Das werden auch ein paar Höhenmeter sein.

Höhenmeter passen aber. Immer nur flach ist ja auch langweilig, und so ein paar Höhenmeter sind ganz gutes Training. Ich kann außerdem an jedem Anstieg üben, wie ich am sinnvollsten aus dem Sattel gehe, wie ich das Spray entsprechend einsetze und wie ich meine Atmung gut kontrolliere. Sowas kann man bestimmt automatisieren… aber so weit bin ich noch nicht. Ich kann mich auch immer nur um eine Baustelle kümmern und wenn ich eben das Spray und die Atmung übe, dann muß alles andere passen. Mit Angst dann zusätzlich das machen, klappt einfach nicht.

Der Zeugwart sagt mir heute ein paar Mal, dass ich die Schulter runternehmen soll, weil die in manchen Situationen automatisch  in die alt bekannte verspannte Haltung gehen. Aber ich kann super schnell reagieren und dann einfach entspannt weiterfahren. An den Anstiegen muß ich den Zeugwart fahren lassen, aber ich habe ihn immer nur ein Stück vor mir, er ist niemals ewig weit weg. Es bläst ganz schön in der Wetterau. Es ist zwar sommerlich warm, nicht heiß, aber der stetige Wind müsste jetzt wirklich nicht sein.

Heute erleben wir zahlreiche tolle Autofahrer. Es ist nicht nur so, dass sie in absolut vorbildlichem Abstand an uns vorbeifahren, sie bleiben vor Kuppen hinter uns und in 30er Zonen fahren sie auch nicht vorbei, weil wir eben auch 30 km/h fahren und es sich eben nicht lohnt. Und man sowieso nicht ordentlich vorbei fahren kann, weil man dann ja schneller als 30km/h fahren müsste. Das ist wirklich top und diesbezüglich eine sehr angenehme Fahrerei. Ich komme auch generell gut mit dem Zeugwart mit. Anscheinend hab ich beim Frühstück heute alles richtig gemacht? Oder die Verpflegung auf dem Rädchen klappt gut.

Und tatsächlich übe ich heute, weil eben alles andere passt, auch mal das Berg – an fahren, mit aus dem Sattel gehen, runter- oder sinnvollem hochschalten und auch mal einfach dranbleiben. Besser werden kommt vor allem von üben. Es ist ja schließlich auch etwas komisch zu denken, dass man einfach mal ein bisschen Rad fährt und das dann zur Verbesserung in allen Lebenslagen führt. Es ist vor allem die Fahrpraxis, die Sicherheit gibt. Wenn ich viele Situationen durchlebe, dann spiele ich die eben auch entsprechend durch. Ohne Angst.

Dieser Teil des Rhein-Main-Gebiets bzw. der Wetterau ist tatsächlich mit ein paar schönen Radwegen ausgestattet, die auch für Rennradfahrer gut nutzbar sind. Geteert, kaum Straßenschäden und entsprechend breit, dass man sich auch mal nett und ohne Unfallrisiko begegnen kann. Wir fahren also Radweg und auf einmal gibt’s mitten drin ein kleines Stück ausgefräst. Zum abbremsen ist es zwar noch nicht zu spät, aber wenn ich jetzt bremse, dann fahre ich langsam über die Kante und muß dann ja auch wieder hochziehen. Also beschließt mein Kopf, der bis dahin vollkommen frei war, dass ich drüber springe. Es handelt sich ja nicht um einen Graben.

Das ist eine ausgefrästes, geschottertes Stück, fast wie eine Ablaufrille. Etwas breiter. Und zack, springe ich drüber und weiter geht’s. Ziemlich cool und gut geklappt hat es ebenfalls. Heute hatte ich überhaupt sehr viele Erlebnisse, die gut geklappt haben. Das ist ungewohnt und total positiv. Und ganz nach Eva’s Tipp lasse ich die positiven Gedanken stehen, als etwas Gutes. Ich schiebe sie nicht als Normalität weg, ich freue mich darüber, was heute alles -fast selbstverständlich- geklappt hat. Wie gut ich beim Brückenausfahrten am Zeugwart dran bleiben konnte und auf der Geraden lasse ich ihn auch nicht weg, wenn er im Aufflieger fährt.

Keine Angst auf dem Rad zu haben und ohne diese Zusatzbelastung zu fahren, ist ein neues Gefühl. Großartig. Heute ganze 60km und das auch noch fast so, wie es sich die Chefin für heute gewünscht hat. Was will ich mehr?

Clauditries

Unter dem Alias Clauditries schreibe ich meinen Blog Claudi gives it a TRI seit Mai 2011 als Triathlon - Trainingstagebuch mit all den Geschichten, die abseits vom Zahlenwerk der absolvierten Kilometer und des Durchschnittspulses zu finden sind.

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Über Clauditries

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