Zeit angehalten


Der Altweibersommer glänzt am frühen morgen mit kalten 7°C und ordentlich Nebel, als ich mein Fahrrad ins Auto einlade. Den doppelten Arbeitsweg traue ich mir an einem Tag noch nicht zu. Immer noch nicht. Nicht vom Kopf her, aber auch nicht von der Fitness. Also muß das Rad am morgen ins Auto, damit ich mir einen Weg spare.

Ich würde nicht sagen, dass ich ein routinierter Belader bin, aber es klappt mittlerweile schon deutlich besser, als beim ersten Mal. Heute packe ich mein Rennrad ins Auto,  weil ich irgendwie denke, dass ich auf dem Heimweg den Zeugwart eher um Hilfe anfragen kann, als auf dem Weg zur Arbeit. Andererseits, was soll passieren, dass der Zeugwart helfen muß? Einen Reifen wechseln kann ich, und da ist mir das Rad auch egal.

Der Zusammenbau auf der Arbeit passt auch prima und so schiebe ich das Rädchen vom Parkplatz ins Büro, wo es den Tag über rumstehen darf und auf den gemeinsamen Auftritt bei der Heimfahrt wartet. Ich habe heute einen durchwachsenen Arbeitstag und die Heimfahrt auf dem Rad ist ein wirklicher Lichtblick, vor allem, als ich dann auch noch beim Stautimer schaue, wie denn der Verkehr auf den Autobahnen des Rhein-Main-Gebiets ist. Übel, wie meistens nämlich.

Als der Tag sich dann dem Ende neigt, hatte er tatsächlich noch ein paar blöde Überraschungen parat und ich bin heilfroh, dass ich heute die Gelegenheit habe, mit dem Rad heim zu fahren. Die Fahrt mit dem Rad ist bei vollen Autobahnen mit vielen schlecht gelaunten Fahrern, die alle gestresst heim möchten, erneut der pure Luxus. Die Freiheit einfach an den stehenden Autos vorbei zu fahren, gleichzeitig hab ich die Sporteinheit schon in der Uhr und bin doch schneller daheim, als mit dem Auto, ist wirklich super.

Ich ziehe mich im Büro um und bin schon das erste Mal am lächeln, als ich meine neuen Socken anziehe, die ich bei den Cyclassics auf der Messe mitgenommen habe. Da schreibt die coole Firma doch glatt „Believe in yourself“ auf die Fußsohle. Das ist ja cool. Da kann man nur hoffen, dass Pippo Amsterdam demnächst auch mit Damen Klamotten den Markt stürmt, das wäre großartig. Die ersten Meter rollen prima, dann gibt’s eine Etappe mit ordentlich Gegenwind, was ich unverschämt finde, aber nicht ändern kann. Ich fahre eine neue Schleife, die ich bisher noch nicht ausprobiert habe, aber die absolut Sinn macht, weil sie nicht so viele Kurven drinnen hat. Morgen früh versuche ich die gleiche Strecke! Bin gespannt, ob ich die finde. Heute ist super viel los auf dem Radweg. Mir kommen extrem viele Radfahrer entgegen und ich muß auch einige überholen. Zusätzlich fahre ich anderen immer noch viel zu langsam, denn die überholen mich, als würde ich stehen.

Teilweise ist mir das zu eng. Wenn zwei Räder nebeneinander entgegen kommen und wir dann noch in Dreierreihe nebeneinander herfahren, dann sind die Frankfurter Radwege einfach nicht breit genug. Ausweichen ist leider nicht möglich, weil rechts und links enges Gebüsch steht. Ich nehme Geschwindigkeit raus. Ob ich jetzt 2 Minuten schneller bin, oder nicht, ist mir egal. Zusätzlich kann nicht jeder hier gut Rad fahren, was ich einschätzen muß. Angst macht es mir nicht, wenn jemand schwankt oder eben einfach unsicher ist, aber es erfordert extra Konzentration.

Mein Kopf hat damit eben einfach mehr zu tun. Die Gedanken schweifen lassen kann ich bei dieser Fahrerei nicht. Wachsam sein, als Fahrradfahrer, trotz Radwegen und klaren Schilder, ist immer angebracht, und da läuft mir auch tatsächlich nur kurze Zeit später auch noch ein Besoffener vor das Rad. Die Wodkaflasche im Anschlag, taumelnd und überhaupt nicht auf die Umgebung achtend. Ich mache ein geschicktes Fahrmanöver, bremse sicher und schreie ihn so laut mit „Stop“ an, dass er komplett erstarrt und ich so um ihn rumkurven kann. Alle im Umkreis sind ebenfalls erstarrt. Ich habe die Zeit angehalten. Selbst das Auto, auf der baulich getrennten Straße in  Frankfurt, steht. Zwei Spaziergänger und zwei weitere Radfahrer verharren ebenfalls, bis ich weiterfahre. Ich danke allen für die Aufmerksamkeit und schon geht’s weiter.

Ich bin stolz auf mich, dass ich das so gut hinbekommen habe. Hätte auch schief gehen können, ist es aber nicht. Ich glaube, das hat auch ein bischen was mit dem Selbstvertrauen zu tun, dass ich durch die Gespräche mit Eva gewonnen habe. Und die guten Rückenwindstrategien. Manchmal braucht man einfach ein bischen Hilfe. Fahren muß ich alleine, aber mit ihrem Rückenwind geht es einfach besser. Ich bin wach- und achtsam, aber nicht panisch. Ich kenne mein Rad, ich weiß, wie es reagiert und ich bin vorbereitet. Das ist viel wert. Eigentlich geht’s auch nur so. Nur mir ist es bewusster, als Anderen, weil die Angst eben auch schon mal alles überschattet hat.

Mitten, wie ich mich so mit dieser Erkenntnis befasse, überholt mich ein Rennradfahrer in einem Affenzahn. Der Herr ist richtig schnell und ich hänge mich rein. Ich rufe ihm zu, dass ich kurz mitfahre und dann ist es mir egal, ob er das gehört hat, oder nicht. Wir fahren richtig toll flott zusammen. Er macht die ganze Arbeit, ich bin im weiter entfernten Windschatten. Immerhin will ich ihm auch nicht so auf der Pelle hängen. Und so fahren wir gute 5km zusammen, dann lasse ich abreissen. Ich muß nachsprühen, das war doch etwas zu viel atmen, für die Dosis von vorhin. Langsam packe ich das Spray wieder weg. In meinem neuen Rucksack kann ich das gut während der Fahrt verstauen, und dann geht’s weiter. Jetzt lichten sich auch die Radler um mich rum. Es wird hier am Main nun deutlich einsamer.

Und wie ich da nun so alleine am Main entlangstrampel kommt mir doch glatt der Zeugwart entgegen. Also das ist doch verrückt. Das hatte er gar nicht angekündigt. Cool. Wir fahren die letzten 10km zusammen und können uns weite Strecken auch tatsächlich prima unterhalten, weil hier kaum jemand unterwegs ist und wir so herrlich nebeneinander her fahren können. Wie so Sonntagsradler, nur ohne Pfeifen und natürlich mit Helm. Ich lege dann auch gleich fest, als wir die nächste Brücke hochgefahren sind, dass der Zeugwart heute Abend für die Essenszubereitung zuständig ist, weil ich müde sein werde. Damit haben wir das schon mal geklärt.

Clauditries

Unter dem Alias Clauditries schreibe ich meinen Blog Claudi gives it a TRI seit Mai 2011 als Triathlon - Trainingstagebuch mit all den Geschichten, die abseits vom Zahlenwerk der absolvierten Kilometer und des Durchschnittspulses zu finden sind.

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Über Clauditries

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