Jetzt wird erlebt.


Was uns da geritten hat, das weiß ich jetzt auch nicht mehr, aber irgendwann haben wir beschlossen, dass wir Lisabets Geburtstagsgeschenk, einen Gutschein für einen Surfkurs in der Jochen Schweizer Arena bei München, unmöglich ihr alleine überlassen können. Es wäre viel schöner und natürlich auch lustiger, wenn wir auch mitmachen, haben wir uns überlegt. Stimmt auch ganz sicher, trotzdem kommt heute die Angst vor der eigenen Courage hoch. Wir haben die Plätze im Juli gebucht, das geht recht einfach online, und dann gab es auch gleich die passende Hotelbuchung hinterher. Allerdings nicht über Jochen Schweizer, sondern ganz einfach über ein entsprechendes Onlineportal.

Heute ist also der Tag, der bereits im Juli ausgesucht wurde und mit den Barcodes bewaffnet und den Schwimmsachen im Rucksack, stehen wir jetzt auf dem Parkplatz und schauen auf einen Hubschrauber. Gott bin ich froh, dass Lisabet keinen Fallschirmsprung geschenkt bekommen hat. Den gibt’s garantiert über Jochen Schweizer auch zu buchen, wäre aber garantiert etwas, wobei ich sie nicht so leicht begleitet hätte.

In der Arena werden wir von der Begrüßungstheke gleich am Fanshop vorbei und direkt in den Bereich der Welle geschickt. Hier gibt’s noch mal eine separate Anmeldung, bei der wir die Buchungscodes loswerden, unsere Namen im Terminbuch abgestrichen werden und wir dann mit einem Fragebogen versorgt, an den geschlossen Barbereich zum ausfüllen geschickt werden. Es geht hier vor allem um Gesundheitsfragen, die zu beantworten sind. Dass man mich nicht mit akuten Beschwerden auf die stehende Welle lässt, verstehe ich auch gut. Ich hoffe, ich bin mit meiner Titanplatte in der Schulter und der Kniebandage trotzdem zugelassen.

Da ich aber alles unterschreibe, ist meine Teilnahme unbedenklich. Zusätzlich willige ich auch noch in alle Werbeemails ein und dann geht’s auch schon weiter. Wir bekommen die Instruktionen zum Ablauf unseres Surfkurses für Einsteiger und dürfen in die Umkleidekabine, direkt neben der Welle. Die ist überraschend übersichtlich und wirklich klein. Zwar gibt’s eine ordentliche Anzahl von Spinden, aber der Platz ist außerordentlich begrenzt. Um die Ecke gibt’s genau zwei Duschen in einem Raum, in dem gut auch noch ein Duschkopf reingepasst hätte.

In Badeklamotten begeben wir uns in den hinteren Teil der Halle, wo uns einer unserer Instruktoren heute in mehr oder weniger gut passende Neoprenanzüge mit kurzen Beinen und Armen steckt. Meiner passt mir prima, hier beweist er Augenmaß, Madita hätte gut und gerne auch drei Nummern kleiner tragen können. Zum wirklichen Austausch und rum probieren fehlt allerdings die Zeit, zumindest hab ich das Gefühl. Schon geht’s nämlich weiter, zu den Surfboards. Wir bekommen hier Softboards ausgeteilt, und  zwar geht das anscheinend nach Körpergröße. Zumindest ist mein Board deutlich kürzer, als das des Zeugwarts. Wir bekommen kurz erklärt, wie die Füße auf dem Board stehen und dass wir es mit einer Schnur, der Leash, an dem Knöchel befestigen, der hinten steht.

Dann klären wir das Standbein. Das ist meist allgemein bekannt, kann aber auch mehr oder weniger verlässlich durch einen Schubstest ermittelt werden. Oder man macht es so, wie ich, und passt sich einfach der Mehrheit der Bevölkerung an. Die meisten Menschen stehen mit links vorne und mit rechts hinten. So mache ich das auch. Was für die Meisten passt, wird es für diesen Einsteiger Surfkurs auch für mich tun. Die mittlerweile zwei Instruktoren für unsere Gruppe von rund 10 Leuten, holen eine Stange am Becken nach vorne und weisen und noch kurz ein, wie wir uns an den Beckenrand zu setzen haben, damit wir mit unserem Gewicht das Surfboard stabilisieren und dann würden sie uns an die Stange führen.

Natürlich. Klingt ganz einfach.

Wir bekommen auch noch mitgeteilt, wie die Hand- bzw. Armhaltung ist, wenn wir runterfallen, was ja mit 100% Sicherheit früher oder später passieren wird, und schon geht’s los und die ersten Teilnehmer werden regelrecht an die Stange gehängt. Das klappt mehr oder weniger gut, und immer wenn wieder ein Stangenplatz frei geworden ist, wird ein weiterer Surfwilliger nachgeschoben. An der Stange stehen wir mit beiden Armen zur Stabilisierung, oder mit nur einem Arm. Die Schulter gibt die Richtung vor, in der wir uns bewegen und das wird besonders deutlich, wenn ich den rechten Arm loslasse und nach hinten nehme.

Ich bin ja bei Sportarten, ohne festen Kontakt zum Boden selten begabt. Das stellen wir ja nicht nur beim Schwimmen fest, sondern auch beim Langlaufen. Heute auf dem Surfbrett erwarte ich also eigentlich einen schnellen Absturz. Allerdings kommt der nicht. Ich stehe, beidarmig und einarmig und stehe und stehe und stehe. Ich gehe mal mehr, mal weniger in die Knie und neben mir werden die Surfeinsteiger ausgetauscht, während ich einfach weiter dastehe. Als Lisabet neben mir an der Stange steht, sage ich ihr, dass mir das jetzt zu anstrengend ist, und lasse die Stange einfach los. Meine Oberschenkel sind müde. Allerdings flutsche ich nicht weg. Ich stehe einfach weiter an der Stelle, dann nehme ich die Hand wieder an die Stange.

Das erste Mal in der Waschmaschine ist dann auch tatsächlich nur halb so schlimm. Obwohl man es natürlich nicht planen kann und so eine unter Wasser Phase eine gefühlte Ewigkeit dauert, wenn man eben einfach durchgeschleudert wird. Ich hänge insgesamt drei mal an der Stange, bis die beiden Herren beschließen, dass wir Surfen nur ohne Stange so richtig lernen können. Im Grunde haben sie recht, denn wir alle stehen relativ sicher und überraschend lange auf den Brettern, ohne die Stange. Aber im ersten Moment haben wir wirklich ausnahmslos geschluckt. Wirklich interessant, wie man sich so sehr auf eine Hilfe versteifen kann. Und dann… geht’s eben auch ohne. Und zwar wirklich gut.

Insgesamt surfen wir so im ersten Teil dieses Einsteigerkurses rund 45 Minuten. Dann wird die Welle hochgedreht und die Fortgeschrittenen sind an der Reihe. Das sind vor allem die, die ohne Hilfe ins Becken kommen und es sind die, bei denen das Surfen schon mal deutlich cooler aussieht, als die steife Rumsteherei, voller Konzentration, die wir auf die Boards bringen. Wir haben eine kurze Pause, dann geht’s mit einem Theorieteil weiter, der in einem kleinen Raum, direkt neben der Welle statt findet. Da es kein Dach gibt, ist der Lärm der Welle hier immer noch so laut, dass wir mit erhobenen Stimmen sprechen.

Im Theorieteil bekommen wir erklärt, wie wir nun von einer Beckenseite zur Anderen kommen, wie wir die Richtung ändern, dass die Schultern führend sind und die Belastung der Beine entscheidend ist. Irgendwie hätte ich erwartet, dass es im Kurs zuerst Theorie gibt und wir dann das Gelernte auf die Welle bringen. Hier ist die Didaktik anders, erst die Praxis auf der Welle, mit kurzer Einweisung, dann etwas ausgeprägtere Theorie und dann noch mal Praxis. Ich hatte Zweifel, ob das klug ist, aber das wird sich ja nicht irgendeiner einfach so ausgedacht haben. Ich verstehe nach der Theorie noch mal besser, was warum passiert und plumpse nun auch gezielter ins Wasser, weil ich das Gewicht zu langsam verlagere.

Nachdem mir das Board bei einem Schleudergang in der Waschmaschine unglücklich gegen das Auge gedotzt ist, verschiebt sich meine Linse und ich habe eine kleine Surfverletzung. Die Linse bekomme ich wieder eingesetzt und nutze die restlichen 15 Minuten um noch ein paar Videos der Surfkunst von Madita, Lisabet und dem Zeugwart zu machen. Bei den dreien klappt das mittlerweile wirklich gut. Das Ende des Kurses bekomme ich gar nicht so richtig mit. Ich hätte mir gewünscht, dass wir noch mal kurz alle zusammen gerufen worden wären, und vielleicht ein paar Tipps dazu bekommen hätten, wie wir unser Einsteigertum nun ausbauen könnten.

Hier in der Jochen Schweizer Arena gibt’s freie Zeiten, aber wie man sich da einordnet zum Beispiel, das wäre doch ein guter Hinweis gewesen. Vielleicht ist den beiden Instruktoren auch klar gewesen, dass wir alle von zu weit weg kommen und das sowieso nicht relevant wäre? Wäre auf jeden Fall ein schönerer Abschluss gewesen. So ziehen wir alle nacheinander unsere Neoprenanzüge aus und waschen sie durch. Mehr deshalb, weil es eben der Andere aus dem Kurs auch macht und weil mittlerweile auch schon wieder andere Menschen am Beckenrand stehen, denen ebenfalls die Stange als Hilfe eingehängt wird.

In der wirklich sehr kleinen Umkleide stapeln sich mittlerweile die Damen und stehen für die Dusche an. Die meisten sind ziemlich durchgefroren, was die Duschwarterei nicht angenehmer macht. Ich bin mir unsicher, was bei der Planung dazu geführt haben könnte, dass man nur so wenig Platz für diese Umkleidekabinen reserviert hat, aber es wird schon einen Grund haben. Trotzdem empfinde ich das als großes Manko. Da die Bar im Surfbereich nach wie vor geschlossen hat, obwohl hier mittlerweile wirklich viele Leute rumsitzen und wir ganz sicher nicht die Einzigen sind, die hier mit einem kühlen oder heißen Getränk noch etwas zuschauen wollen.

Wir wechseln deshalb in die nächste Halle, wo die Bar geöffnet hat und man Menschen beim Fliegen zusehen kann. In einer Röhre, wird hier Bodyflying bzw. Skydiving angeboten, wirklich fantastisch zum zusehen. Ähnlich wie beim surfen, kann man hier Talente von weniger Talentierten gut unterscheiden und man kann wirklich toll beobachten, was kleinste Haltungsveränderungen für große Auswirkungen haben. Faszinierend. Nachdem wir auch noch den Kletterpark angeschaut haben, fahren wir zurück ins Hotel um die tropfnassen Sachen aufzuhängen und dann weiter nach München. Natürlich wollen wir nun, quasi als Insider, den Surfern an der Eisbachwelle zusehen.

Clauditries

Unter dem Alias Clauditries schreibe ich meinen Blog Claudi gives it a TRI seit Mai 2011 als Triathlon - Trainingstagebuch mit all den Geschichten, die abseits vom Zahlenwerk der absolvierten Kilometer und des Durchschnittspulses zu finden sind.

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Über Clauditries

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