Nach dem Anstieg Zum Lluc habe ich den gestrigen Pausentag sehr genossen. Wie schon einige Male vorher haben der Zeugwart und ich am Pool rumgehangen und uns möglichst wenig bewegt. Tatsächlich bringt das ein bisschen Erholung, aber vollumfänglich ausgeruht bin ich deshalb noch lange nicht. Als ich mich heute früh also durch die 5 Tibeter turne, bzw. während die Fincaathleten turnen, meine Knieübungen absolviere, merke ich meine Beine ordentlich. Und das, wo doch heute die Königsetappe ansteht.

Nach dem Frühstück, beim umziehen, merke ich meine Beine immer noch und so richte ich mich auf eine schwere, lange Tour ein. Unsere Königsetappe führt meine Radgruppe nach Orient und dann nach Alaro. Es ist jetzt nicht so, als wäre ich dort noch nie gewesen, aber ich kenne die Strecke trotzdem nicht komplett auswendig. Obwohl mir der Weg sicherlich mehr als einmal bekannt vorkommen wird. Bergig wird es auf jeden Fall, da bin ich ganz sicher. Und das nicht nur, weil die Chefin der Tour den Titel Bergig gegeben hat.

Ich weiß, dass es, um den Orient zu erreichen, erst mal auf diesen dämlichen Marktplatz von Bunyola geht, und der ist tatsächlich nur Berg an zu erreichen. Diese lange ewige Straße. Und dann eben hoch, auf den Ehrenhügel. Na, ich mach mich mal nicht verrückt und wir fahren einfach mal los. Nach 300m halten wir das erste Mal an und nach 500m das zweite Mal. Ich bin mir nicht sicher, ob wir, wenn wir in der Geschwindigkeit weiterfahren, jemals an die Königskrone ran kommen werden, aber egal. Wir tasten uns vor in Richtung Inca und fahren wirklich wunderschön durch die Gärten. Hier ist es fast autofrei.

Diese Mallorquiner sind diesbezüglich wirklich vorbildlich unterwegs. Die ganzen kleinen Straßen durch das Landesinnere, durch die vielen Felder, Anbaugebiete, Weinreben und Gärten, sind so gut ausgebaut, dass man prima mit dem Rad durchfahren kann, aber für Autos wegen ihrer Breite dennoch unattraktiv. Nur die wirklichen Anlieger verirren sich hierher, und das sind erfreulicherweise heute nicht so viele. Von weitem sehen wir den Randa, zu dem ich in dieser Trainingslagerwoche leider nicht komme.

Eine Woche Trainingslager vergeht wirklich wie im Flug. Die Einrollrunde am Sonntag, dann zwei Touren Montag und Dienstag, einen benötigten und wohlverdienten Ruhetag am Mittwoch und dann eben die Königsetappe am Donnerstag. Und irgendwie ist die Woche dann ja praktisch auch schon wieder rum. Freitags gibt’s für gewöhnlich Multikoppeln. Auf den Randa fahren wir also diese Woche nicht mehr. Aber so sehen wir ihn wenigstens eine ganze Zeit lang von weitem, während wir uns langsam, aber immer zielgerichtet auf Bunyola zuarbeiten. Und auf diese fiese Straße, die direkt am Marktplatz endet.

Ich fahre die Straße schneller hoch, als jemals zuvor. Die Chefin fährt mir zwar davon, weil sie mir auch geraten hat, nicht schon alle Ehrenhügelkörner bereits auf der Anfahrt zum Col d’honor zu verschießen, aber ich habe sie gut im Blick. Und weder der Räuberhauptmann, noch Lovis überholen mich. Obwohl beides es ganz sicher heute locker gekonnt hätten, denn obwohl ich schneller bin, als jemals zuvor, fahre ich natürlich trotzdem unfassbar langsam hier hinauf. Auf dem Marktplatz sammeln wir uns kurz, ehe wir vereinbaren, dass wir alle getrennt voneinander bis nach oben fahren.

Den Ehrenhügel bin ich ja gefühlt erst gestern bei FulGaz hochgefahren, obwohl das auch schon wieder Monate her ist. Auf jeden Fall verrate ich Lovis ein paar Tricks und allem voran sage ich ihr, dass es nach dieser ersten Abbiegung direkt nach 50m ganz schön steil durch den Ort nach oben geht. Was Anstiege angeht sind Lovis und ich immer besonders ehrlich zueinander. Ich weiß, dass es bei Anstiegen vor allem auf die Ortskenntnis ankommt und dass es ganz wichtig ist, hier nicht mit den Angaben zu schludern. Wenn ich höre, dass ein Anstieg 5km lang ist, dann muß der auch nach spätestens 5km beendet sein.

Immerhin teile ich doch die Kräfte so ein! Ich fahre als Erste hoch und schau heute zur Abwechslung auch mal auf die Fahrzeit. Also nicht nur auf den Tacho, der mir verrät, wie lange die Anfahrt war und damit auch, wie weit ich am Berg eben schon voran gekommen bin, sondern eben auch wie lange ich unterwegs sein werde. Letztes Jahr habe ich eine gute Stunde gebraucht. Nach rund 3km mache ich eine Spraypause, komme wieder zu Atem und werde jäh von allen Mitfahrern einkassiert. Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn ich sie alle hätte hinter mir halten können.

Manchmal frage ich mich bei solchen Situationen, ob ich lachen, oder weinen soll. Es ist nicht schlimm, immer die Letzte am Berg zu sein. Es ist eben so und jeder kann auch etwas anderes, so dass das natürlich passt. Aber trotzdem wäre es eben irgendwie auch cool, wenn es mal anders wäre und ich eben nicht die Letzte wäre. Der Gedanke daran macht mich auf dieser Auffahrt ganz verrückt. Ich treffe auf Lovis, die ich dann aber beim nächsten Stop wieder an den Berg verliere, weil sie noch kann und einfach weiter hinauf fährt. Ich lasse sie nicht weit weg, aber trotzdem ist sie eben weg. Wie weit zählt dabei eh nicht.

Kurz vor dem Gipfel muß ich nochmals anhalten. Ich muß einfach kurz durchatmen und ein total netter Radguide fragt mich, ob alles ok ist. Ich bejahe und bitte darum, dass er meiner Gruppe ausrichtet, ich käme bald. Er stimmt zu und schaut sich auf seiner Weiterfahrt noch mehrfach um, um sich zu vergewissern, dass ich auch ja wieder aufsteige. Es ist nun wirklich nicht mehr weit, aber wenn man kaum Luft bekommt, dann ist es einfach auch egal, wie weit es noch ist. Es ist immer zu weit. Ich hänge mich an ein paar Engländer dran, die noch nie hier waren. Sie fragen mich, wie weit es noch ist und schon kann ich wieder reden und entsprechend Auskunft geben.

Noch zwei Kurven und schon sind wir oben. Ich in 43Minuten, inklusive aller Pausen. Nicht auszumalen, wie schnell ich wäre, ohne. Im Durchschnitt war ich erneut schneller als letztes Jahr. Nur die Handhabung des Sprays, die war heute wieder anders. Es hängt Regen in der Luft, da verhält es sich mit der Lunge eben immer etwas anders als normal. Aber man kann sich natürlich auch immer eine Ausrede suchen.

Nach dem obligatorischen Gipfelbild und einer kurzen Verschnaufpause, ziehen wir uns die Windjacken an und los geht’s Berg runter. Den kleinen Stich in den Orient kenne ich, das Café links ist neu gemacht. Das überteuerte Café auf der rechten Seite ist bevölkert von Radlern und schon geht’s weiter hoch den Berg. Wir müssen nicht mehr weit, aber die Serpentine ist deutlich steil und ehe Lovis und ich abfahren können, gibt’s noch zwei ziemlich steile Stücke. Aber dann eben eine 8km lange Abfahrt nach Alaro.

Hier kehren wir im Cycling Planet ein. Das ist ein ganz tolles, stilvoll eingerichtetes Minirestaurant mit Fahrradwerkstatt. Absolut empfehlenswert, mit tollem Essen, leckerem Café und auf Radfahrer eingerichtet.

Wir machen hier eine ausgiebige Pause, ehe wie waschbrettartig von Alaro wieder zurück nach Campagnet und von dort flach zurück zur Finca fahren. Mir hat diese Tour ganz schön an den Kräften gezehrt. Der Anstieg war anstrengend und die lange Abfahrt konnte die Wellen auf dem Heimweg nicht wet machen. Ich bin ganz schön fertig, auch wenn die Kilometer jetzt nicht extrem viele gewesen sind. Manchmal kommt es auf die Kombination Höhenmeter und Entfernungs-Kilometer an… die macht es dann eben aus.

In der Finca angekommen zieht der durchtrainierte Zeugwart seine Laufsachen an und geht koppeln, währenddessen ich bewegungsunfähig und ziemlich erschöpft auf der Liege platziert bin. Erfreulicherweise sind alle anderen Mitfahrer ebenfalls ziemlich platt, so dass der Zeugwart mit seiner Form heute tatsächlich ziemlich alleine dasteht. Ein Hoch auf das Training!