Der Tonangeber und die Chefin geben alles um uns die Fincawoche so anheimelnd wie möglich zu gestalten, es ist wirklich, wie bei einer Familie, auch mit den ganzen anderen Sportlern. Und weil die Beiden aber regelmäßig noch einen drauf setzen, organisieren sie uns für heute Abend sehr spannende, absolut sympathische und besonders interessante Unterhaltung. Sie haben den Abenteurer eingeladen heute Abend mit uns zu essen und aus seinem prall gefüllten Nähkästchen zu plaudern.

Der Abenteurer verbringt seine Freizeit mit Aktivitäten, die uns Triathleten extrem vorkommen, und das, obwohl wir das Langdistanzformat kennen und das für unsere Nachbarn und Freunde, die keinen Triathlon machen, schon total irre rüberkommt. Ich weiß gar nicht, wie der Abenteurer sein Hobby bei solchen Leuten platziert? Wahrscheinlich gar nicht? Oder er sagt einfach, er läuft gerne. Eine verständliche Sache, ich laufe auch mal ganz gerne. Natürlich derzeit nicht so sehr, bis die Schwere der Krankheit festgestellt und ich diesbezüglich einen Fahrplan bekommen habe, aber ansonsten mag ich das Laufen. Und dass jemand gerne mal läuft, stößt selbst bei Leuten, die Triathlon eine komische Sache finden, auf Verständnis. Laufen gehen ist ein Volkssport. Praktisch jeder kennt jemanden, der läuft und selbst die unsportlichsten denken von sich selbst, dass ein 5er oder ein 10er für sie kein Problem sein dürfte.

Nur ein bisschen laufen

Beim Abendessen frage ich den Abenteurer, was er denn heute so gemacht hat. Der Tonangeber hat gesagt, dass er heute laufen war, aber weitere Infos hab ich nicht, also bin ich unbedarft. Und der Abenteurer? Der erzählt mir zwischen zwei Happen Ratatoulie,  dass er heute 45km gelaufen ist, und gestern auch so was in der Größenordnung. Er erzählt das so, als wäre nichts dabei. Und ich verschlucke mich erst mal. Das ist ja nur ein bisschen weniger, als wir so mit dem Rädchen gefahren sind. Was ein Typ! Wahrscheinlich denken die, die Laufen als Volkssport ansehen, weil das ja jeder tut, dass sie sich verhört haben, wenn er denen so was erzählt? Oder er umschreibt die Sache nur. Wäre sicherlich auch schlau.

Es verspricht ein sehr kurzweiliger Abend zu werden, da bin ich sicher. Nachdem uns die Chefin mit Geschenken versorgt hat, denn Triathleten können ja immer ein neues Kleidungsstück gebrauchen und deshalb freut sich heute jeder über ein neues Trikot im einheitlichen Design, plaudert der Abenteurer aus seinem Nähkästchen. Ich bin beeindruckt. Er macht Touren, bei denen er seine komplette Verpflegung mitführt und weil es hauptsächlich um das Sparen von Gewicht und die Ansammlung von möglichst vielen Kilokalorien geht, hat er ganz spektakuläre Tricks auf Lager. Er weiß außerdem, wie man in der Wüste am Besten ohne Klappspaten auf die Toilette geht und hält auch mit seinen Steinbeschwerungstricks nicht hinterm Berg. Einmal, als alles eh schon verloren war, ist er einfach so stressfrei noch die 16km zum Treffpunkt gelaufen. Natürlich. 16km, stressfrei. Das klingt absolut plausibel.

Seitenwechsel

Ich wechsle die Seiten und stehe plötzlich und vollkommen ungeplant auf der Seite der Menschen, die sich fragen, warum er das wohl alles macht. Und ich beantworte mir das auch gleich selbst, denn warum sollte er es nicht tun, wenn es ihm Spaß macht und er es machen kann? Beeindruckend. Ich bin absolut baff und manchmal bleibt mir der Mund offen stehen. Er berichtet von seinen Versuchen einen weniger bekannten Lauf im Lake District zu bestreiten, denn seine Erzählungen bislang haben sich hauptsächlich um Hitze, Wüste und Berge gerankt. Der Lake District ist weniger hoch, extrem feucht und nicht mit gutem Wetter gesegnet. Von Hitze ist es dort soweit entfernt, wie ich von einer Langdistanz.

Aber der Abenteurer scheut auch diese Art Wetter nicht und hat tatsächlich vor einem Herrn aus den frühen 20er Jahren des letzten Jahrhunderts nachzueifern, der nämlich hat 42 Gipfel der Region in 24 Stunden erklommen und sich damit zu einer Landeslegende gemacht. Und zu einer Gallionsfigur von Trailläufern, die reihenweise versuchen diese Tour ebenfalls zu schaffen. Und einer von denen sitzt hier vor uns. Echt krass. Er erzählt, wie sie mehrere Testläufe probiert haben, wie es eiskalt und nass war, wie sie knöcheltief in den Boden eingesunken sind und wie sie schon mehrfach erfolglos abreisen mussten, ohne es geschafft zu haben.

Ungebrochener Wille

Der Lake District hat sie aber nicht klein gekriegt, sein Wille ist ungebrochen und deshalb war er in den letzten Tagen mit ein paar Mitstreitern auf Mallorca und ist einmal quer durch das Gebirge gerannt. Bei Regen, Wind und Wetter hat er mit seiner Ausrüstung viele Kilometer Berg rauf und runter absolviert, weil er einfach nicht müde zu kriegen ist. Die Freiheit, die Weite und die Leidenschaft belohnen ihn genug, um trotz aller Widrigkeiten nicht den Fokus zu verlieren. Beneidenswert. Jemand, der einfach nicht aufgibt, einer, der trotz Vollzeitjob und Familie seinem Hobby nachgeht und der mir fast Lust macht auf so eine Tour.

Ich war noch niemals so nah dran an einem derartigen Abenteuer, wie heute. Ich dachte bisher immer, dass die Mahlzeittüten vom Globetrotter da nur zur Deko hängen, ohne dass sie jemals von Menschen wirklich verwendet werden würden. Trailrunner mit leichtem Gepäck waren immer eine vollkommen andere Welt. Heute habe ich da mal richtig reinschnuppern dürfen. Ganz herzlichen Dank, dass Du mir diese Tür aufgestoßen hast! Das war wirklich fantastisch. Und wenn ich auch irgendwann mal 16km vollkommen stressfrei absolviere, sei Dir sicher lieber Abenteurer, ich werde an Dich und Deine Geschichten denken!