Kraftwerk in mir


Gestern hatte ich Abitreffen. Mein Jahrgang hat 1998 Abitur gemacht und fast 50 von uns, also gut die Hälfte von damals, haben den gestrigen Abend dazu genutzt in Erinnerungen zu schwelgen und herauszufinden was so aus wem geworden ist. Erst dachte ich, dass ich bestimmt keinen mehr erkenne und mir auch kein einziger Name einfallen wird… und dann? Dann war es wie vor 20 Jahren, alle wiedererkannt, fast alle Namen gewusst und einen tollen Abend verbracht. Schulzeit schweißt eben doch irgendwie zusammen.

Dementsprechend lässt der Zeugwart mich heute länger schlafen als gewöhnlich und es dauert ein bisschen, bis wir nach dem Frühstück aus dem Quark und auf’s Fahrrad kommen. Obwohl wir eigentlich früh losfahren wollten. Aber wenn man schon 20 Jahre Abi hat, ist es vielleicht auch ok, wenn man einmal nicht ganz so früh aufbricht? Wir machen also am heutigen Pfingstsonntag einen späten Aufbruch und radeln mal wieder in Richtung Spessart. Um diese Uhrzeit an einem Feiertag sind mir wenig befahrene Straßen oder für den Autoverkehr ganz gesperrte Straßen einfach lieber, als eine Bundesstrasse, auf der alle Ausflügler und Sonntagsfahrer unterwegs sind. Das ist dann eh auch für keinen schön, auch nicht für die Autofahrer, die hinter mir herzuckeln müssen, wenn viel los ist.

In Richtung Spessart geht’s von uns aus auf kleinen Straßen und durch ein paar wenige Dörfer am Main entlang. Erstaunlicherweise werden wir heute von Fußgängern mehr behindert, als von Autofahrern gefährlich knapp überholt. Alle Autos fahren heute sogar mehr als vorbildlich und teilweise so große Bögen, dass ich mich am liebsten bei jedem Einzelnen bedanken würde. Fußgänger dagegen treten einfach so vor die Räder und erwarten, dass ich entweder eine Vollbremsung mache, oder gefährlich weit in den Autoverkehr reinfahren muß, weil sie eben hier jetzt Langlaufen möchten. Erstaunlich, wie unterschiedlich das manchmal abläuft.

Die ganze Strecke in den Spessart hinein, bläst uns ein ordentlicher Wind entgegen. Ich schaffe trotzdem einen ordentlich Schnitt und die Atmung ist prima. Leicht angestrengt, aber absolut im grünen Arztbereich. Vielleicht hält mich die Aussicht auf Rückenwind aufrecht, den wir dann auf dem Rückweg haben? Es sei denn, der Wind dreht, was ich aber überhaupt gar nicht im Tagesplan habe, nur um das schon mal vorweg zu nehmen. Als wir am Kraftwerk vorbeifahren denke ich an den Tonangeber, den Maschinenbauer, der all seine Athleten in dem Rookie Projekt zu Höchstleistungen treibt. Alle, außer mich im Moment. Wobei mein Körper auch Leistung bringt, aber auf einem anderen Level. Und manchmal geht’s darum ja auch gar nicht.

Am Brunnen im Spessart machen der Zeugwart und ich halt. Bis hierhin führt ein Weg mit 3% Steigung über eine ordentliche Strecke, mit Gegenwind. Das war sehr anstrengend und ich mache ein Päuschen. Der Zeugwart fährt den Hahnenkamm hoch, weil er besser trainiert ist als ich und ich so auf dem Rückweg ein bisschen weniger ein schlechtes Gewissen haben kann, weil ich vielleicht langsamer unterwegs bin, als noch vor dem Termin in Gießen.

Natürlich befolge ich die Ratschläge der Ärzte und drehe nicht voll auf im Moment. Und da der Tonangeber ebenfalls informiert ist, wird er mir sicherlich ebenfalls mit Verständnis entgegen treten, dass ich zwar radeln gehe, aber eben nicht so trainiere, wie es der Rookie Projekt Trainingsplan eben vorsieht. Manchmal läuft das Leben nicht ganz nach Plan, oder zumindest nicht nach dem, den wir uns überlegt haben. Das Leben ist eigenständig und hat manchmal einfach andere Pläne, die es für uns vorsieht. Dabei muß man auch immer nach dem Positiven schauen. Nicht alles, was einen vermeintlich ausbremst oder einem den Trainingsplan versaut, weil man nicht so kann, wie man es ursprünglich erträumt hat, muß schlecht sein.

Ich ziehe auch viel Positives aus der Anstrengungseinschränkung. Ich bin genauso konzentriert wie früher, als es darum ging die Trainingsvorgaben möglichst genau zu befolgen und umzusetzen, aber heute schaue ich auch öfter mal durch die Natur. Ich bemerke Dinge am Wegesrand, Wolkenformationen, Weggabelungen, die mit Erinnerungen verknüpft sind und ich habe kein Problem, wenn eine ältere Dame auf dem Hollandrad kurzfristig für mich uneinholbar scheint. Die hat vielleicht gerade einfach keinen Blick für das lebensfrohe Fohlen am Wegesrand oder eben tatsächlich mehr Puste. Das ist aber nicht schlimm. Im Moment. Ich kann unsere Radausfahrt heute total genießen, trotz Wartepause am Brunnen und trotz un-einholbaren Elektrofahrrädern. Manchmal ist es einfach, wie es ist. Und dann kommt es nicht darauf an, dass man höher, schneller oder weiter unterwegs ist, sondern darauf, dass man überhaupt da ist.

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Unter dem Alias Clauditries schreibe ich meinen Blog Claudi gives it a TRI seit Mai 2011 als Triathlon - Trainingstagebuch mit all den Geschichten, die abseits vom Zahlenwerk der absolvierten Kilometer und des Durchschnittspulses zu finden sind.

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Über Clauditries

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