Verfolgung im Sturm


Bei uns ist Sturm, und weil der Trainer selten bis nie in den Wetterbericht zu schauen scheint, wenn er meinen Plan entwirft, steht heute Radfahren drauf. Unfassbar. Bei Sturm? Da ist Gegenwind ja vorprogrammiert. Und obwohl der manchmal als guter Freund und Trainingspartner taugt, so muß ich heute entscheiden, dass meine Kraft dafür nicht ausreichen wird. Irgendwie brauche ich heute Sport, der die Seele baumeln läßt. Sport, der mich ablenkt und der wenig Konzentration fordert. Seit meinem Unfall konzentriere ich mich sehr beim Radfahren. Obwohl es super klappt und ich selbst weggehende Hinterräder, rutschige  Straßenpartien und holprige Bordsteine gut meistere, fährt der Kopf immer besonders aufmerksam mit. Nicht nur im Straßenverkehr, wo das selbstverständlich ist, sondern auch auf dem Feld und im Wald. Mein Unfall ist damals im Wald passiert. Auf einer Strecke, die mir, schaue ich sie mir heute an, total unspektakulär vorkommt. Und ich bin langsam gefahren. Und trotzdem so schlimme Verletzungen. Morgen ist der zweite Jahrestag.

Heute gehe ich laufen. Meine Trailschuhe schauen mich wehmütig an. So lange wollte sich schließlich keiner haben, dann gab es für mich das Superschnäppchen und jetzt wollen sie natürlich bewegt werden. Jetzt wo sie können, finden sie jeden Pausentag blöd. Verstehe ich auch irgendwie. Ich laufe über die durch den Sturm ordentlich durchgerüttelten Felder und biege in den Wald ein. Hier ist es fast sofort praktisch windstill. Sturm-still um genau zu sein. Die Blätter, die noch an den Bäumen hängen, rascheln zwar, aber bis zu meiner Höhe schafft es der Wind dann doch nicht. Ich laufe also windfrei. So bin ich wenigstens auch nicht der Gefahr von herunterfliegenden Ästen ausgesetzt. Der Wald agiert als Windbremse.

Mein Weg ist der Übliche, wenn ich 7-10km laufen möchte. Heute schaue ich mal, wie weit es dann am Schluß so sein wird. Auf jeden Fall, möchte ich die Gedanken aber etwas schweifen lassen und den Verstand lüften. Nur zu Hause sitzen und über Terrornachrichten, Bomben, Opfern und bunt angestrahlte Wahrzeichen nachdenken bringt mich meinem Ziel nicht näher. Mein Ziel abhaken, weil der Terror die Welt bestimmt möchte ich aber auch nicht. Nicht, solange ich noch eine andere Wahl habe. Melancholisch, wie mich der anstehende Jahrestag meines Unfalls nunmal so macht, denke ich mir, dass es ja auch gar nicht sicher ist, wie lange ich die Wahl überhaupt noch habe.

Vor mir läuft ein junger Fußballer. Vorurteilsbelastet weiß ich, dass es ein Fußballer ist, weil mir öfter welche im gleichen Outfit im Wald joggend begegnen. Und die Stoffjogginghosen, Kaputzenpulli mit Kaputze auf und Nike free- Läuferfraktion hält außerdem öfter an um das Handy zu checken oder eine Gehpause einzulegen. Der Läufer vor mir erfüllt all diese Stereotypen voll und ganz und wird deshalb von mir prompt in diese Schublade gesteckt. Ich nähere mich ihm stetig und lautlos. Auf dem Waldboden machen meine Schritte keine Geräusche und das bischen Blätterrascheln registriert keiner als sich annährern. Es klingt eher nach dem Sturm.

Ich hole auf. Der Läufer vor mir hält dafür einfach zu oft an oder macht Gehpausen um mich auf Abstand zu halten. Und als ich an ihm vorbeilaufe, während einer weiteren Gehpause, gibt er wie angestochen Gas und rennt was das Zeug hält. Trotzdem in einem lässigen Laufstil, damit ich womöglich sofort mitkriege, dass es eigentlich gar nicht anstrengend ist. Weg ist er auf alle Fälle. Kein Problem. Ich laufe meinen Tritt weiter, beachtlich 6:20 Minuten auf den Kilometer und das konstant ob es hoch oder runter geht und biege in Richtung Seenlandschaft ab. Hier ist es einfach herrlich. Die bunten Farben der Bäume, dazu das Grün des Wassers und der Sturm, der ordentlich für Wellengang sorgt. Wunderbar anzusehen.

Und schon hole ich wieder auf den Läufer auf, der eben noch mit rasender Geschwindigkeit versucht hat, mich auf Abstand zu halten. Es tut mir wirklich sehr leid, aber ich laufe ein zweites Mal auf und will fast vorbeiziehen, als er es registriert, das Handy wegpackt und loswetzt, wie von der berühmten Tarantel gestochen. Das passiert ihm nicht noch mal, denn ab jetzt schaut er sich regelmäßig um und setzt alles dran mich auf Abstand zu halten. Die Verfolgung gebe ich deshalb natürlich nicht auf. So kommt der Läufer wenigstens mal zu einer ordentlichen Ausdauertrainingseinheit. Denn wenn er nun konstant weiterläuft, kriege ich ihn nicht. Und das scheint für ihn ja sein heutiges Laufziel zu sein.

Claudi gives it a TRI - Lauf im Sturm

Ich bin heute nach 8km in konstanter Geschwindigkeit wieder daheim. Mein Kopf konnte super abschalten und weggeflogen bin ich bei dem Sturm auch nicht. Gut, dass ich mich für einen Lauf und nicht für das Fahrrad entschieden habe. Eine gute Entscheidung.

Clauditries

Clauditries

Unter dem Alias Clauditries schreibe ich meinen Blog Claudi gives it a TRI seit Mai 2011 als Triathlon - Trainingstagebuch mit all den Geschichten, die abseits vom Zahlenwerk der absolvierten Kilometer und des Durchschnittspulses zu finden sind.

Meine Kontaktdaten findet Ihr im Impressum!
Clauditries

Letzte Artikel von Clauditries (Alle anzeigen)


Über Clauditries

Unter dem Alias Clauditries schreibe ich meinen Blog Claudi gives it a TRI seit Mai 2011 als Triathlon - Trainingstagebuch mit all den Geschichten, die abseits vom Zahlenwerk der absolvierten Kilometer und des Durchschnittspulses zu finden sind. Meine Kontaktdaten findet Ihr im Impressum!