Klares Wasser, tausend Fische


Mittlerweile haben wir uns fast schon gut eingelebt, nur die unfassbare Hitze macht mir wirklich zu schaffen. Dabei hat uns der deutsche Sommer ja vermeintlich gut auf unseren Urlaub vorbereitet. Dachte ich. Aber ich habe ja schließlich keine Wetterausbildung gemacht, und Ahnung habe ich ganz offensichtlich auch keine. Das Klima hier auf Big Island ist in keinem Fall mit irgendetwas vergleichbar, was ich im deutschen Sommer jemals erlebt habe. Es ist vielleicht mit einem Backofen zu vergleichen, in den jemand einen Luftbefeuchter gestellt hat. Falls das jemand machen würde. Es sind heute früh nur 25°C, als wir aufstehen, und nur 30 Minuten später, als die Sonne hinter den Bergen empor geklettert ist, zeigt das Thermometer 35°C an.

Meine Erkältung flaut ab, erfreulicherweise. Trotzdem huste ich noch fleißig. Aber ich fühle mich nicht mehr ganz so durch die Mangel gedreht. Die Chefin hatte mir einen Trainingsplan geschrieben, den ich aber weitestgehend ignoriert habe. Krank trainieren bringt daheim nichts, und hier erst recht nicht. Aber Bewegung schadet nicht. Schwitzen tue ich sowieso, auch wenn ich mich nicht bewege und so muß ich der Sache einfach ein bisschen mehr Zeit geben. Zusätzlich kühlen die Amerikaner jedes Restaurant und überhaupt jeden Raum so extrem runter, dass ich mich schlichtweg wundere, dass ich mich nicht ständig neu erkälte.

Heute früh gehe ich schwimmen. Auf der berühmten Schwimmstrecke. Ich kann ja schlecht in der Rennwoche hier sein und dann nicht schwimmen gehen. Erkältung hin oder her, irgendwie muß die Kirche im Dorf bleiben. Es ist ja nicht so, als würde ich eine große Schwimmeinheit planen und mich mordsmäßig verausgaben. Ich will einfach das machen, was alle Triathleten hier tun und schwimmen gehen. Obwohl manche der Teilnehmer, was ich ausschließlich vom Outfit und der Ernsthaftigkeit, mit der die Sache angegangen wird, abhängig mache, schon mit voller Inbrunst an die Schwimmeinheit herangehen. Gut. Ich jetzt nicht so. Heute früh ist am Pier nicht ganz so viel los, entweder das Zeitfenster ist gut, oder noch nicht alle Athleten sind angereist. Wir lassen die Klamotten fallen, denn das Schwimmzeug haben wir drunter, und deponieren die Rucksäcke. Hier ist es irgendwie, wie am See, man lässt die Sachen stehen, und vertraut.

Athleten beklauen andere Athleten nicht, und im Ernstfall hat man eh nicht viel dabei zum schwimmen. Und von den hier anwesenden Triathleten, würde eh keiner in meine Klamotten passen. Die wären schlichtweg jedem hier wohl zu groß. Zumindest wirkt es so. Bis zum winzigen Sandstrand gehen wir Barfuß und weil das Meer heute wirklich ruhig ist und hier kaum Wellen sind, stehen einige zum Quatschen oder Uhr starten bis zum Knie im Wasser um sich schon mal etwas abzukühlen. Die Sonne brennt. Unerbittlich.

Meine ersten Wassermomente im Meer seit Ewigkeiten. Zumindest als Schwimmer war ich lange nicht im Meer. Das Wasser ist ganz klar, es gibt schon wenige Meter nachdem ich den Boden unter den Füßen verloren habe, unfassbar viele Fische und Seeigel. Hier ist vielleicht Betrieb unter Wasser. Ich gebe zu, das verwirrt mich anfangs. Ich schwimme mit dem Zeugwart und Pocahontas, aber eigentlich schwimme ich mit gefühlt hunderten Papageien- und Doktorfischen. Um mich rum tummeln sich wahnwitzige Mengen an Meeresbewohnern und ich bin noch überhaupt gar nicht weit gekommen. Ich darf auch nicht vergessen, zu atmen! Hier ist unter Wasser so viel los, dass ich kaum dazu komme mich zu orientieren oder mal nach Luft zu schnappen.

Für die paar Meter bis zu unserer avisierten Wendeboje brauche ich eine gefühlte Ewigkeit. Ich kann mich bei diesem vermeintlichen Schwimmtraining mit nichts rühmen und die Chefin wird enttäuscht sein. Auf dem Plan stehen 2km, dafür bräuchte ich heute bis zum frühen Abend, und wir haben noch vor 8h morgens. Womöglich würden mir auf der Strecke noch Delphine oder Schildkröten begegnen? Es ist schier unmöglich hier in Ruhe ein Schwimmtraining zu absolvieren. Mir ist es ein absolutes Rätsel, wie abgebrüht diese Triathleten aus aller Herren Länder sind, dass sie überhaupt konzentriert an ihren Wettkampf ran gehen können. Haben die sich mal umgeschaut? Da ist ein Seeigel! Der bewegt sich und das da, das ist doch ein ganzer Schwarm Soldatenfische! Da kann man doch nicht einfach so vorbei preschen. Die Unterwasserwelt in dieser winzigen Bucht beeindruckt mich wirklich schwer.

An der Wendeboje versuche ich dem Zeugwart mitzuteilen, wie begeistert ich bin und mache statt dessen, dank einer etwas größeren Welle, die ich nicht habe kommen sehen, eine ausgiebige Nasenspülung. Im Grunde wird nicht nur meine Nase gespült, sonder mein ganzer Kopf, inklusive Gehirn und Ohren, erfährt eine umfassende Salzwasserbehandlung. Ich huste wie ein Anfänger, aber ich habe tatsächlich eine freie Nase. Und weil es gleich wieder zurück geht, habe ich alle Eindrücke weiterhin für mich alleine. Auf dem Rückweg begegnet mir ein etwas größerer Schatten. Ich glaube allerdings, dass man, wenn man nur Fische sieht, vielleicht auch irgendwie beginnt das zu sehen, was sein könnte und nicht nur das, was ist. Zurück am Ufer bin ich auf jeden Fall weiterhin sehr beeindruckt und freue mich diebisch. Wenn die Chefin enttäuscht sein sollte, so halte ich es aus. die vielen Eindrücke waren es definitiv wert.

Unseren Nachmittag verbringen der Zeugwart und ich mit dem Beschauen der Gegend und der weiteren Gewöhnung an die Hitze. Obwohl ich diesbezüglich wirklich kaum Fortschritte mache. In mir wächst der Gedanke, dass ich -selbst wenn ich mich jemals aus Versehen qualifizieren würde- den Platz nicht annehmen könnte, weil ein Start bei diesem Klima für mich reiner Selbstmord wäre. Ironman an sich ist ja schon hart und ich habe den höchsten Respekt vor jedem, der so ein Rennen ins Ziel bringt. Einen Wettkampf hier zu machen, halte ich derzeit für schlichtweg verrückt und vollkommen unvorstellbar. Das Klima ist der Wahnsinn.

Clauditries

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Unter dem Alias Clauditries schreibe ich meinen Blog Claudi gives it a TRI seit Mai 2011 als Triathlon - Trainingstagebuch mit all den Geschichten, die abseits vom Zahlenwerk der absolvierten Kilometer und des Durchschnittspulses zu finden sind.

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Über Clauditries

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