Mein Schnell


Das Nass-Trocken-Gefüge meiner Schwimmsachen ist wirklich sehr speziell. Erfreulicherweise habe ich immer einen Badeanzug in Petto, es gibt schließlich nur wenige Kleidungsstücke, die schlechter anzuziehen sind, als ein nasser Badeanzug. Heute aber ist mein Badeanzug seit gestern tatsächlich getrocknet und ich brauche gar keine Ausweichmethode. Perfekt. Auch die Handtücher sind trocken und so geht es für den Zeugwart und mich total durchgetrocknet ins Vereinstraining. Wie jeden Freitag sind wir trainerlos und ich schwimme mein eigenes Programm. Da die Chefin kürzlich mal wieder einen Test verlangte, den ich aber wegen des Adlers und seinem Programm am frühen Morgen nicht umgesetzt habe, schwimme ich die 1000 Meter für die Chefin also heute.

Bei unserer 50m Bahn bekomme ich auch wenigstens nicht ganz so einen verrückten Drehwurm, wie bei einer 25m Bahn. Obwohl natürlich eine Kilometerzeit im Freiwasser das Allertollste wäre. Leider ist es für den See deutlich zu kalt und mittlerweile viel zu dunkel, so dass ich also mit dem 50m Becken Vorlieb nehmen muß. Manchmal kann man sich das auch einfach nicht aussuchen. Heute ist aber ein guter Tag, so finde ich es zumindest, als wir schwimmen gehen. Meine Arme sind etwas schwer, aber das wird schon passen. Vielleicht kann mir ja später jemand beim Öffnen der Shampoo Flasche helfen?

Wir sind überpünktlich am Beckenrand und als wir auf die Bahn dürfen merke ich sofort, dass ich regelmäßig hier bin. Das Wasser und ich kennen uns anscheinend. Ich empfinde es nicht als kalt oder unangenehm, wie noch im letzten Winter regelmäßig. Heute Abend ist es kühler als gestern früh, aber das passt schon, ich bin ja nicht aus Zucker und ich bin zum schwimmen hier, nicht zum rumhängen am Beckenrand. Also lege ich gleich los und schwimme mich 300m ein. Alles schön durchlockern, etwas strecken und recken und dann am Beckenrand kurz mit der Uhr neu-vertraut machen. Ich will für die Chefin ja schließlich die 1000m Zeit stoppen und da sollte ich auf jeden Fall den „Start“ und den „Stop“ Knopf für die Trainingsaufzeichnung parat haben. Nicht, dass ich wertvolle Sekunden vergeude, weil ich den Knopf nicht finde. Und der Chefin dann mühevoll erklären muß warum ich so langsam bin, wie ich es nun mal bin, plus die Sekunden, die es dauert um den Knopf zu finden. Das wäre quasi eine vernichtende Kombination.

Nachdem ich die Technik geprüft habe, kann ich ihr wenigstens sagen, dass ich die beherrsche. Egal was für eine 1000m Zeit ich ihr abgebe. Wenn das schon mal gesichert ist, geht es, finde ich zumindest. Ich starte also die Uhr entsprechend und schwimme los. Kaum Beinschlag, weiter Armzug und schon ist die erste Bahn vorbei. Auf der Nachbarbahn erkenne ich keinen, ist ja aber auch egal, ich schwimme hier ja 1000m so schnell ich kann. Und es ist auch interessant später zu sehen wie schnell denn mein schnell ist, im Vergleich zum schnell von jemand anderem, an den ich mich dranhängen würde. Mein Schnell also. Oder mein Langsam. Wir werden sehen.

100m vergehen wie im Flug, so, als wäre gar nichts passiert. Ich schwimme immer noch recht entspannt, ziehe aber ordentlich durch und merke meine Arme bereits nach den nächsten 100m deutlich. Krass, wie anstrengend 200m sein können, wenn man alles geben möchte. Auf der anderen Seite will ich auch nicht einbrechen. Also die Chefin soll nicht denken, dass ich mir die 1000m nicht einteilen kann. Nach absolvierten 300m beginnt meine Brille zu beschlagen. Aber ich kann ja jetzt nicht anhalten, um die Brille zu reinigen. Ich sehe den Boden gerade noch und schwimme einfach weiter. Meine Bahn ist klar abgesteckt und mein Mitschwimmer weiß, dass ich hier den 1000m Test absolviere. Er wird mir also nicht in die Quere kommen. Und so zieht sich der Dunst auf meiner Brille über die nächsten paar Hundert Meter so richtig zu.

Nach insgesamt 600m kann ich am Beckenrand bei der Wende kaum mehr etwas erkennen, aber ich höre jemanden rufen, dass ich Gas geben soll und es schaffe. Ich denke, das ist Lisabet, die heute für uns die Aufsicht am Beckenrand macht und ebenfalls weiß, dass ich heute den Test schwimmen möchte. Das ist aber nett, dass sie mich anfeuert. Ich sehe zwar mittlerweile überhaupt nichts mehr, aber weil es nur noch 400m sind, gebe ich noch mal weiter Gas. Ich erhöhe merklich den Beinschlag. Bin ich die ersten 100m noch mit lockerem Beine hoch-Beinschlag geschwommen, so gibt’s jetzt von mir fast volle Kanne. Die letzten 100m packe ich tatsächlich noch mal alles aus. Ich ziehe so durch, dass meine Armmuskeln zittern, meine Beine schlagen, als gäbe es kein Morgen und ich atme bei jedem zweiten Zug, weil mir meine übliche Dreieratmung nicht mehr ausreicht. Vollkommen erschöpft schlage ich nach 1000m am Beckenrand an und rücke den richtigen Knopf meiner Uhr. Die Technik habe ich im Griff. Wahnsinn.

Lisabet sitzt lesend am Beckenrand auf einer Bank. Sie hat überhaupt gar nicht mitbekommen, dass ich fertig bin und demnach hat sie mich auch gar nicht angefeuert. Wahrscheinlich hat sich irgendwer am Beckenrand entsprechend unterhalten und mein erschöpfter müder und total angestrengter Kopf hat sich den Rest zusammengereimt? So muß es gewesen sein. Lisabet war es zumindest nicht. Ich komme wieder zu Puste, stelle fest, dass es klug gewesen wäre, mein Spray zu nehmen, aber dass ich ja nicht wissen konnte, dass ich so heftig schwimmen würde, und als ich wieder ordentlich atmen kann, schwimme ich die Stunde noch voll. Wie lange ich für den 1000m Test gebraucht habe kann ich erst später ablesen, wenn ich das Training gestoppt habe. Aber da die Zeit ja jetzt eh steht, ist es ja auch erst mal egal.

Ich mache noch ein paar Hundert Meter Technikübungen und versuche mich an Atempyramiden, und dann sind wir für heute auch schon durch. Ich glaube, meine Shampooflasche kann ich doch alleine aufdrehen heute. Meine Arme sind zwar schwer, aber das geht doch noch. Als meine Uhr alle Daten hochgeladen hat schaue ich nach der Zeit. Es ist manchmal besser, frühzeitig zu schauen, damit man ggf. länger Zeit hat eine Erklärung dafür zu suchen. Also vor allem, wenn man Erwartungen nicht erfüllt, dann ist mehr Zeit zum Ausreden einfallen lassen nicht verkehrt. Für die 1000m heute habe ich 16 Minuten und 52 Sekunden gebraucht. Darüber freue ich mich. Ich glaube, mein Kopf hat das Meiste dazu beigetragen, weil ich schnell schwimmen wollte und weil ich es einfach durchgezogen habe, egal wie schnell oder langsam die Nachbarbahn war und trotz beschlagener Schwimmbrille. Manchmal scheint das gut zu funktionieren bei mir. Warum das so ist weiß ich nicht. Mein Schnell habe ich auf jeden Fall jetzt mal wieder festgelegt. Ich bin gespannt, was die Chefin dazu sagt.

Clauditries

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Unter dem Alias Clauditries schreibe ich meinen Blog Claudi gives it a TRI seit Mai 2011 als Triathlon - Trainingstagebuch mit all den Geschichten, die abseits vom Zahlenwerk der absolvierten Kilometer und des Durchschnittspulses zu finden sind.

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Über Clauditries

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