Couchhörnchen und Flaschentausch


Nachdem Marco Schreyl mich gestern gesiezt hat, nimmt das Unheil heute seinen Lauf. Ich sehe nicht nur offensichtlich alt aus, ich werde auch vergesslich. 
Wir haben gestern mit der Teamchefin ausgemacht, dass wir die Ironmanrunde heute fahren. Sie kommt mit dem Rad in Richtung Friedberg und wir eben von uns… und dann treffen wir uns. Die Teamchefin denkt, alle Welt ist so fit wie sie. Das liegt daran, dass sie ihre eigene Leistung überhaupt gar nicht korrekt einordnen kann, aber gut. Sie denkt also, ich bin genauso schnell die 40km gefahren, wie sie. Solche Fehleinschätzungen macht sie ab und zu… aber ich kann damit leben. Und sie offensichtlich auch. 
Der Zeugwart und ich prüfen heute früh also das Thermometer, lesen 16°C und ich greife zum Triathloneinteiler, Armlingen, kurzen Radhandschuhen und meiner Windweste. Ich brauche keine Überschuhe sagt der Zeugwart und als die Räder aufgepumpt sind, geht’s auch schon los. Nach nur 200m drehe ich um. Es sind auf gar keinen Fall 16°C. Zumindest hier nicht. Ich fahre wieder zurück nach Hause, krame mühsam meinen Hausschlüssel raus und ziehe mir meine Windstopperhose über die nackten Beine. Außerdem lege ich meine Überschuhe an. Die Teamchefin wird uns nach Süden entgegen kommen müssen… denn es wird immer unwahrscheinlicher, dass wir sie in Friedberg treffen werden. Aber egal. Besser ich komme an, als dass ich erfriere. Ich greife mir noch meine langen Handschuhe und wir fahren los. 
Nach 2km stelle ich fest, dass ich zwar meine Brille aufhabe, aber nur die normale. Nicht die Sportbrille. Oh nein. Ich drehe also um und fahren nochmals zurück. Ist ja kein Problem… sind ja nur 2km. Ich bin wirklich vergesslich geworden…
Als ich mit der Sportbrille zurück bin, stellen wir fest, dass die Fähre nicht fährt. Also fahren wir in Richtung Schleuse und queren den reissenden Fluß dort. Wir fahren in Richtung Hanau und ich habe gleich 7 Straßenschilder déjà vues. Irgendwie fahren wir nicht so, wie gedacht und kommen deshalb gute 7 Mal nach Hanau. Herrlich. Hanau ist also quasi überall. 
Wir drücken die Hohe Strasse hoch und ich stelle fest, dass das Schalten vorne an den Hörnern geht. Mittlerweile habe ich schon ziemlich oft umgegriffen und es ist längst nicht mehr so ein Balanceakt, wie während der Probefahrt. 
Auch in meinem Alter ist man offensichtlich lernfähig. Das ist eine angenehme Erkenntnis. 

Der Zeugwart und ich schließen auf eine Dreiergruppe Eintrachtathleten auf. Ein anderer Triathlonverein aus der Gegend. Die drei Herren werden vom Zeugwart überholt und er setzt sich davor. Ich will auch anziehen und hinterher, aber die Herren schauen verstört und ich nehme Rücksicht. Also fahren die drei  vom Zeugwart und mir eingekesselt eine Weile ruhig durch die Wetterau. Da ich mittlerweile ein geübter Radfahrer bin und weiß, wie kräftesparend „dranbleiben“ ist, lasse ich die Herren auch nicht wegfahren. Als es ihnen dann zu bunt wird gibt’s vom Gruppenchef die Anweisung „zieh vorbei“ und der Zeugwart und ich sind wieder alleine. 
Wir fahren durch die Dörfer und ich schaffe es zweimal während der Fahrt zur Flasche im Rahmen zu greifen und etwas zu trinken. Außerdem schafft es die Flasche nach dem Trinken auch wieder zurück in den Flaschenhalter. Das ist ebenfalls beeindruckend. Ich schaue nämlich nicht hin, sondern erfühle wo die Flasche hin gehört. 
Und dann kommt die Teamchefin. Wir sind noch weit vor Friedberg, aber das war uns ja klar, und ich konzentriere mich dermaßen auf die Straße, dass ich die Teamchefin nicht gleich erkenne. Hier fahren schließlich überall Radfahrer rum. Aber der Zeugwart, der erkennt sie sofort. Als wir dann in einem Feldweg zur Begrüßung anhalten  und Gonzo kurz Hallo sagt, nehme ich noch einen Schluck aus der Flasche. Der Zeugwart zieht am Flaschenhalter der Teamchefin noch eine Schraube fest und dann fahren wir als Dreiergruppe weiter. 
Das Wetter ist prima, ich habe genau das Richtige an und in Begleitung von Zeugwart und Teamchefin traue ich mich auch immer öfter auf dem Auflieger zu fahren. In dieser Runde gibt’s keine dummen Fragen und so frage ich irgendwann, ob der Teamchefin vom Auflieger fahren auch der komplette Rücken weh tut und ob ihrer Schultern auch so angestrengt sind. Sie sagt nein und wir stellen zu dritt fest, dass ich das Auflieger fahren offensichtlich noch nicht drauf habe. Da wir aber noch ein paar Kilometer vor uns haben, kann ich das ja noch ein bischen üben. 
Wir fahren weiter und ich liege, dabei rutsche ich etwas auf dem Sattel rum und beuge meinen Rücken mal mehr, mal weniger. Ich bewege meine Hände auf diesen Schalthörnchen hoch und runter und irgendwann macht es klick. 
Ich kann es kaum glauben, aber ich kann es fühlen. Ich sitze bequem, kann ordentlich treten und mein Rücken und meine Schultern sind komplett entlastet. Das ist es. Also ich bin sicher, dass es das sein muß. So sitzt ein Triathlet. 
Zwischendurch tausche ich während der Fahrt meine zwei Flaschen aus. Das heißt, ich ziehe die leere aus dem Rahmen und stecke sie in den Mund. Dann nehme ich die Volle von hinten aus dem Halter und stecke sie in den Rahmen. Paßt. Tja und dann, dann muß die Flasche aus dem Mund ja auch irgendwie wieder hinter meinen Hintern. Das hatten wir ja schon mal diese Woche. Sehr spannendes Unterfangen im Straßenverkehr. Und da die ersten 300 Versuche trefferlos bleiben, steckt die Flasche noch ein bischen in meinem Mund. und dann versuche ich es nochmals. So nach ungefähr einem Kilometer. Sieht bestimmt witzig aus, wie ich hier so mit der Flasche im Mund rumgurke. Als ich es dann wieder versuche klappt es beim dritten Anlauf. Gut, ich habe also als Plan die Versuchsdichte von 303 auf einmal runterzuarbeiten. 
Jetzt lege ich mich immer öfter auf die Couchhörnchen und kann fast schon entspannt fahren. Leider muß ich trotzdem treten, das ist natürlich weniger schön. Aber es war vorauszusehen.

Wir fahren auf einen älteren Herren auf, der von der Größe auch prima auf meinem Rädchen fahren könnte. Tut er aber nicht, schließlich sitze ich ja drauf. Er hat sich ein großes Rennrad ausgesucht und kurbelt was das Zeug hält. Er kommt kaum an die Pedale und rutscht ganz schrecklich auf seinem Sattel rum. Der Zeugwart hat Werkzeug dabei und könnte ihn sicherlich richtig aufs Rad setzen. Aber egal. Wir überholen den Herren vor Friedberg und bleiben eine Weile zusammen. So haben die Teamchefin und ich unseren Spaß, weil der Herr unbedingt am Zeugwart dran bleiben möchte und dabei schrecklich agil rumwackelt. Natürlich überholt er uns Mädchen so schnell wie es eben geht… hinter Frauen bleiben geht schließlich gar nicht. 

Nachdem wir die Teamchefin in Bad Vilbel mit 14km/h vor uns hergetrieben haben, biegt sie ab um wieder nach Hause zu fahren. 
Sie wirkt weder angestrengt, noch geschwitzt oder müde. Es ist einfach unglaublich, wie fit ihr Trainer sie macht. Ich bin sicher, meine Anfeuerung braucht die Teamchefin auf der Radstrecke im Kraichgau nächste Woche nicht. Sie ist so fit auf dem Rad, dass sie höchstwahrscheinlich an uns nur so vorbeischießt und wir sie sowieso erst an der Laufstrecke erkennen werden. Schade eigentlich, weil ihr Outfit sicherlich knallermäßig zum Gracerädchen passen wird. Aber das müssen wir uns dann wohl in der Wechselzone ansehen. anders wird es nicht gehen. 
Da ich während der Fahrt leider vollkommen unabsichtlich und für mich total unerklärlich meinen Tachostand mehrfach genullt habe, rechne ich die heutige Fahrt auf Grund von Gonzos Gesamtkilometer runter. 91km. Das ist ordentlich und die bisher weiteste jemals von mir gefahrene Strecke. Die Zeit gibt der Zeugwart vor, weil er seinen Tacho sinnvollerweise nicht genullt hat. 3:42Std. Da kann man für üben mal nichts gegen sagen. 
Ich habe für die nächste Tour also wieder ein paar Übungspunkte auf dem Plan… schalten, Tacho nicht nullen, Auflieger bequem fahren, trinken, Flasche aus dem Rahmen rausholen und Flaschen tauschen. Ich muß also bald wieder mit Gonzo vor die Tür. Von alleine klappt das alles nicht.

Clauditries

Unter dem Alias Clauditries schreibe ich meinen Blog Claudi gives it a TRI seit Mai 2011 als Triathlon - Trainingstagebuch mit all den Geschichten, die abseits vom Zahlenwerk der absolvierten Kilometer und des Durchschnittspulses zu finden sind.

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Über Clauditries

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