Seit dem Versuch in Monza fiebere ich mit Eliud mit und schaue mir die Einblicke, die er in sein Training für diesen großen Moment gewährt, voller Ehrfurcht an. Ein Athlet, der die für mich sowieso derzeit unvorstellbar lange Strecke von 42,195km in einer Zeit von unter 2 Stunden laufen möchte. Das ist doch verrückt. Die Presse schreibt dazu, dass das der Durchbruch einer Schallmauer sein wird. Eine Grenze, die so groß ist, wie damals die Vorstellung zum Mond zu reisen. Eine so große Errungenschaft, dass ein ganzes Team daran arbeitet. Eliud wird das heute erneut versuchen. In Wien.

Eingekesselt in zahlreiche Hasen, die in einer genau festgelegten Formation um ihn rum platziert laufen und alle einer Linie hinterherrennen, die von einem Auto vor sie projiziert wird. Die Vorberichterstattung ist spannend. Es ist wirklich alles vorprogrammiert und es scheint praktisch unmöglich dass er das heute nicht schafft. Trotzdem gibt’s immer noch den Faktor Mensch dabei. Selbst wenn er abgeschirmt durch Pacemaker, hinter einem Auto herläuft und deshalb wenig selbst steuern muß. Rennen muß er.

Und doch alleine

Egal wie wenig Wind er hat, egal wie viel Begleitung, wie viel Anfeuerung, egal, wie viele projizierte Linien es auf dem Boden gibt, er muß immer noch selbst laufen. Seine Zeit wird nicht offiziell gezählt, er läuft heute keinen Rekord, er gewinnt kein Rennen, aber er wird der erste Mensch sein, der unter 2 Stunden laufen kann. Und laufen muß er eben immer noch alleine. Ich mag die Moderatorin, die uns in Wien vor Ort auf das Spektakel einstimmt. Sie steuert ihre Gesprächspartner gewandt und stellt die Fragen, die mich auch interessieren, so dass ich mich gut informiert fühle und die Zeit, bis die Herren sich in die Startaufstellung begeben, gut überbrückt wird.

Der Plan für dieses Unterfangen ist, dass die Geschwindigkeit von Anfang an, bis zum Ende, konstant bleibt. Das heißt, die Herrschaften, also die Hasen und Eliud, werden sofort eine Geschwindigkeit von 2:50 Minuten / Kilometer laufen. Eine Geschwindigkeit, die ich noch nicht mal dann rennen kann, wenn ich den Bus noch bekommen möchte. Nicht, dass mein Bus entscheidend wäre, aber es ist eine solch krasse Geschwindigkeit, dass mir schon schwindlig wird, wenn ich nur dran denke. Erfreulicherweise ist es nicht so, dass alle Männer da dauerhaft mitlaufen können und anders, als bei einem Marathon, werden die Hasen bei diesem Projekt nach einer bestimmten Zeit ausgetauscht. Da sie in einer ganz speziellen Formation laufen, wird der Austausch bestimmt sehenswert.

Alles genau geplant

Das Auto, das die Linie projiziert, fährt so weit vor der Gruppe her, so dass es als Windschattengeber nicht zählt. Die Menschenformation um Eliud herum ist einer der Schlüssel. Und natürlich sein Fitnesszustand. Denn, wie bereits erwähnt, egal wie wenig Wind, egal wie viel Gesellschaft, laufen tut er selbst. Es sind seine Beine und seine Füße, die ihn tragen, es ist sein Kopf, der das durchzieht und nicht aufgeben wird. Ich bin total positiv gestimmt, dass er es schaffen kann.

Gestern hat der Frankfurter Laufshop zum gemeinsamen Zusehen eingeladen und so begeben der Zeugwart und ich uns kurz nach dem Start und dem ersten Wechsel der Pacemaker, der mehr nach Formationstanz als nach Laufen aussieht, in Richtung Frankfurter Innenstadt, um mit anderen Laufbegeisterten diesem speziellen Ereignis zuzusehen. Finde ich richtig cool, dass die das spontan organisieren und sogar Frühstück bereit stellen. Allerdings ist es auch wirklich etwas ganz Besonderes und natürlich total passend für einen Laufshop.

Wir schauen noch weitere Wechsel der Pacemaker an, staunen über das Durchhaltevermögen, die weiten Schritte und darüber, wie Eliud vom Fahrrad aus versorgt wird, und freuen uns alle gemeinsam über die Hochrechnungen, die tatsächlich, wenn alles so bleibt, auf eine Zeit von deutlich unter 2 Stunden hinauslaufen. Und tatsächlich ist es dann nach 1:59 auch soweit und die Pacemaker lassen sich zurückfallen. Erst löst sich die Formation langsam auf, dann tritt Eliud regelrecht ins Licht und rennt vor seine Hasen, die aber hinter ihm weiter als Mauer hinterherlaufen. Und dann läuft er deutlich unter der magischen 2 Stunden Marke ins Ziel.

Schallmauer

Wahnsinn. Egal, was andere sagen. Er ist selbst gelaufen, das hat ihm keiner abgenommen und so ist das tatsächlich eine besondere Leistung. Im Ziel umarmt ihn seine Frau, die ihn heute zum ersten Mal überhaupt zu einem Lauf begleitet hat, ehe sie von den Hasen, die ihn nun alle umstürmen regelrecht abgedrängt wird. Alle sind begeistert. Das Projekt hatte Erfolg.

Ich bin gespannt, wie viele Leute diese Leistung nun schlecht reden, von zu viel Windschatten, zu viel Laborgetue oder sonstwas sprechen werden. Es gibt zu allem immer zwei Seiten und natürlich sind weder die Strecke noch die äußeren Umstände mit einem Stadtmarathon zu vergleichen. Stets frische Pacemaker sind bei einem normalen Marathon auch nicht am Start, sondern die laufen vom Beginn so lange mit, wie sie können oder bestellt sind. Dann muß der Athlet alleine weiterkommen. Das hier war einfach eine besondere Situation. Es ging darum, ob es generell möglich ist unter 2 Stunden eine Strecke von 42,195km zu absolvieren. Nicht darum einen Rekord aufzustellen oder die Leistung von anderen Athleten madig zu machen.

Und offensichtlich ist es möglich. Wer hätte das gedacht?