Die Sonne will heute gar nicht so richtig zum Vorschein kommen, weil das eben im November ab und zu mal so ist. Eigentlich ist das im November normal. Der November ist ein diesiger, trüber Monat. Er beginnt mit Allerheiligen, beherbergt Totensonntag und untermauert sein düsteres Image gerne mit Nebel und Regen. Die Sonne kommt einfach selten hinter den Wolken hervor. Und heute ist auch so ein Tag. Im Grunde wird es heute gar nicht so richtig hell und dieser Novembertag ist einfach immer dämmrig.  Ich gehe deshalb heute am frühen Nachmittag laufen. Heller wird es ja sowieso nicht.

Auf dem Trainingsplan von Coach Amy steht für heute ein fast schon lächerlich kurzer zwei Meilen Lauf drauf. Richtig witzig, dass ich meine Realität mittlerweile total verändert habe und mir tatsächlich überlege, ob es sich für die Entfernung überhaupt lohnt mit dem Umziehen. Noch vor wenigen Monaten waren 3,2km eine nicht zu unterschätzende Distanz! Was Training alles ausmacht. Echt der absolute Wahnsinn. Natürlich ziehe ich mich um und mache den Lauf. Jeder Lauf in so einem Trainingsplan hat schließlich einen Sinn, auch wenn ich den nicht nachvollziehen kann. Und frische Luft an einem Arbeitstag ist auch nicht verkehrt. Das merke ich immer wieder.

Frisch durchgepustet kann ich oftmals nach so einem Lauf am Mittag viel besser durch den Nachmittag gleiten, als ohne. Es ist nicht so, dass sich Probleme von alleine lösen, aber ich komme auf die Lösung einfach leichter mit frischer Luft im Kopf. Ohne wirklich zu wissen, wie lange die Strecke durch das Dorf an den Highlights vorbei ist, laufe ich einfach mal los. Wenn ich kürzer oder länger unterwegs bin, dann macht mir das heute nichts aus. Ich habe nur Sachen auf meiner Liste, die ich ohne fixe Nachmittagstermine abarbeite, also bin ich zeitlich nicht begrenzt. Uneingeschränkt laufen zu können finde ich sowieso immer am Besten.

Ich habe heute wirklich eine gute Form und merke das schon nach den ersten paar hundert Metern. Ich überquere die Straße, habe den Verkehr im Auge, laufe einfach weiter und verhaspelt mich nicht. Während ich den Podcast von Sally’s Welt auf den Ohren habe, trabe ich über die gestreuten Gehwege und kann mich nur wundern. Seit dem ich hauptsächlich im Homeoffice arbeiten kann, bin ich natürlich morgens nicht mehr früh im Auto und vereiste Scheiben kriege ich so nicht mit. Und ehrlich gesagt sind mir auch bei meinen morgendlichen Laufrunden in den letzten Tagen keine vereisten Wege aufgefallen. Offensichtlich will man da bei mir im Dorf aber sicher gehen.

Hier sind tatsächlich die Gehwege gestreut. Nun gut. Ich trabe mit dem Podcast auf den Ohren einfach weiter. Dabei schaue ich nicht auf die Uhr. Ich  weiß ja schon vorab wo ich lang laufen möchte und ob es nun passt, oder nicht, ist mir eben egal. Und ob dieser Lauf flott oder langsam ist, ist heute auch nicht wichtig. Sogar Coach Amy hat auf den Trainingsplan geschrieben, locker laufen. Das ist für mich immer so ein Synonym für „einfach machen“. Ich trabe also und finde tatsächlich in meiner ausgewählten Strecke die perfekte Distanz. Als ich zurück daheim ankomme bin ich genau zwei Meilen unterwegs gewesen.

Vielleicht starte ich mal ein Dorf Vermessungsprojekt? Das wäre doch was.

Und wie schon vor dem Lauf erwartet fühle ich mich im Anschluß großartig. Jeder Schritt dieses Laufs war es mal wieder wert. Mein Kopf ist frisch und frei, meine Beine fühlen sich gut an und die Aufgaben des Nachmittags erscheinen nun wirklich in einem ganz anderen Licht, als noch vor einer Stunde.